Ausgekochter Ausnahme-Klezmer mit Chuzpe

Saarburg · Bratsche statt Violine oder Klarinette. Oft sphärisch statt tanzbar, experimentell und unberechenbar, aber immer wieder mitten ins Herz. Die international erfolgreiche polnische Band Kroke hat bei ihrem zweiten Auftritt in Saarburg ein anspruchsvolles Publikum überzeugt.

 Haben mit ihren sphärischen Klezmer-Variationen in der evangelischen Kirche überzeugt: Die Vollblutmusiker von Kroke. TV-Foto: Regina Lüders

Haben mit ihren sphärischen Klezmer-Variationen in der evangelischen Kirche überzeugt: Die Vollblutmusiker von Kroke. TV-Foto: Regina Lüders

Foto: Regina Lüders (rcl) ("TV-Upload L?ders"

Saarburg. Aufwühlende Klänge: Klezmertypisches Trillern und Schluchzen. Die Avantgardisten von Kroke lassen aber zudem klassische Klänge ("Hier haben wir's gemacht wie Bach.") ebenso einfließen wie Elemente der Weltmusik und Anleihen beim Jazz. Je nach Stück in veränderlichen Anteilen. Man möchte meinen, die Musik trage die drei, klassisch an der Krakauer Musikhochschule ausgebildeten Instrumentalisten mit dem Akkordeon, dem Kontrabass und der Bratsche direkt aus der Kirche heraus, mitten in Szenarien, in die sie ihre Zuhörer mitnehmen. "Schon der Einstieg mit purem Flötenspiel war wie ein Sonnenaufgang im Urwald", findet Dorothee Malburg aus Konz. Kein Wunder, dass die Band Kroke, die bereits mit Nigel Kennedy oder Peter Gabriel zusammengearbeitet hat, sehr erfolgreich Filmmusik schreibt. Ein aktuelles Werk zum Film "Cabaret of Death" über Kabarett in Konzentrationslagern bewegt an diesem Abend besonders.
Die je zehn Sitzreihen an beiden Seiten der evangelischen Kirche sind fast alle gut gefüllt. Knapp 100 Zuhörer haben Kroke diesmal gefunden. "Beim Auftritt vor zwei Jahren waren es 36", sagt Veranstalter Christoph Kramp. "Die Musik ist sehr speziell und spricht auch nur ein spezielles Kultur-Publikum an, das das Besondere sucht." Stefan Bier war schon vor zwei Jahren da und ist wieder begeistert: "Die Musik ist einfach hinreißend. Bei einem Stück eben war ich zu Tränen gerührt. Und gleichzeitig ist es unglaublich virtuos, die drei schaffen es, ein ganzes Orchester zu ersetzen. Ich habe Karten verschenkt und einfach meine ganze Mischpoke mitgebracht." Das Publikum ist mehrheitlich älter, doch die wenigen Zuhörer unter 25 können sich wohl ebenso wenig dem Sog der Musik widersetzen: "Das war das schönste Geschenk, das du mir je gemacht hast", sagt Biers Tochter Julia. Malburgs Sohn Till spielt selbst Schlagzeug und war erst am Vorabend auf einem Rap-Konzert, aber auch er findet sein "erstes Mal Klezmer, etwas ganz Besonderes und wirklich gute Unterhaltung". Während Tausendsassa Tomasz Kukurba an Bratsche, Flöte und Gesang, ganz nebenbei als Koordinator der Klangeffekte und als blickfangender Entertainer seine Bandkollegen anfangs fast zu reinen Rhythmusgebern degradiert hatte, haben nach der Pause alle drei Musiker die ganze Palette ihres Könnens gezeigt. Treibend, ziehend, leidend, fiddelnd, mit einem sprachlich undefinierbaren Gesang, der sich nahtlos als weiteres Instrument einfügt, präsentieren sich manche Lieder.
Orientalische Harmonik


In anderen werden Bratsche und Kontrabass plötzlich per Fingertrommel zum Schlaginstrument oder unerwartete Beatbox-Elemente werden scheinbar hereinimprovisiert. Orientalische Harmonik, ein Changieren zwischen Dur und Moll und lange Lieder in wechselvollen Abschnitten prägen den Abend, der nach gut zweieinhalb Stunden und mehreren Zugaben vor einem durchweg stehenden Publikum endet. rcl

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