Bei ihm dürfen auch Mädchen mitspielen

Bei ihm dürfen auch Mädchen mitspielen

Koorosh Bazyar ist Jugendtrainer beim Hermeskeiler Sportverein. Doch eigentlich ist er viel mehr als das. Bazyar ist Sozialarbeiter, Flüchtlingshelfer, Vater-Ersatz, Computer-Spezialist und Sportkommentator. Die Geschichte eines ungewöhnlichen Mannes.

Hermeskeil. Diesen Tag im Februar 1985 wird Koorosh Bazyar nie vergessen. Er hat sein Leben verändert. Das Leben eines heranwachsenden Iraners, der nur das tun wollte, was Millionen andere in seinem Alter überall auf dem Globus auch taten: Fußball spielen. Es war die Zeit des ersten Golfkriegs zwischen Iran und Irak.
Koorosh war 13 Jahre alt, als die feindlichen Bomber kamen. "Wir haben auf der Straße Fußball gespielt. Wir hörten sie kommen, aber es war zu spät." Kurz darauf war ein Großteil seiner Freunde tot, und zurück blieb ein traumatisiertes Kind, das heute, mehr als 30 Jahre danach, sagt: "Eigentlich hätte ich den Fußball danach hassen müssen."

Doch es sollte anders kommen. 15 Jahre später kam Koorosh als politischer Verfolgter nach Deutschland. Da war er Ende 20. In seiner Heimat gehörte er zu den besten Kickern seiner Jahrgangsstufe. Doch das war kein Privileg, das den Andersdenkenden vor dem Regime der Mullahs bewahrt hätte. In Hermeskeil suchte der Neuankömmling, ohne jede Sprachkenntnisse, seine ersten sozialen Kontakte. Der Fußball, den er eigentlich hätte hassen müssen, half ihm dabei. Der Hermeskeiler Sportverein nahm ihn auf, drei Jahre später war er dort Trainer. Der Verein schickte ihn zur Weiterbildung und zum Erwerb der erforderlichen Lizenzen. "Man hat mich mit offenen Armen empfangen", sagt der Iraner.

Koorosh wollt etwas zurückgeben, wurde Jugendtrainer, Torwarttrainer, Co-Trainer bei den "Großen".
Und dann kamen im Sommer 2015 die Menschen, die der Krieg in ihrer Heimat nach Europa trieb. In der früheren Hochwaldkaserne fanden etwa 600 Unterschlupf. Koorosh, mittlerweile 43, konnte sich in ihre Gefühle, Ängste, Ungewissheiten hineinversetzen.

War er doch selbst auf der Flucht gewesen. Über das Rote Kreuz nahm er Kontakt zu den Menschen in der Aufnahemeeinrichtung für Asylbegehrende, kurz Afa, auf. "Ich wusste, wir müssen vor allem den Kindern etwas geben. Ihnen die Lethargie nehmen, ihnen Aufgaben, Ziele, Werte vermitteln. Sie brauchten zumindest phasenweise einen halbwegs strukturierten Tagesablauf."

Koorosh fragte bei den Eltern der Kinder, die er dort trainierte, nach und rannte offene Türen ein. "Viele gaben, was sie hatten und was sie geben konnten." Trikots, Hosen, T-Shirts, abgelegte Fußballschuhe.
Und so konnte er, der selbst einmal Flüchtling war, auf einem halbwegs freien Platz des Afa-Geländes ein Fußballturnier organisieren. Ein Ereignis in der Monotonie des Afa-Alltags. Dem TV zeigt Koorosh Bilder, die er mit dem Smartphone aufgenommen hat. Zeigt die Zuschauermassen um den kleinen provisorischen Hartplatz, auf dem die Jungs dem Ball nachrannten. Und nicht nur die. Gegen viele Widerstände setzte er durch, dass auch Mädchen mitspielten. "Ich wollte ihnen vermitteln, dass Männer und Frauen in diesem für sie fremden Land gleiche Rechte, gleiche Ansprüche haben. Dass Frauen in dieser Gesellschaft eine andere Rolle ausfüllen."

Sein Projekt wuchs, und als im Januar das alljährliche große Jugendturnier des Vereins in der Hochwaldhalle stattfand, organsierte Koorosh mit vielen Helfern ein Spiel "seiner" Flüchtlingskinder gegen eine gleichaltrige Auswahl des Vereins. Die Berührungsängste unter den Kindern wichen schnell. Und wichtig war für alle, die hinter der Idee standen: Man spielte zwar gegeneinander, aber auch miteinander.

Eine gemeinsame Beschäftigung zu haben, glaubt Koorosh, ist ein Schlüssel zu einer funktionierenden Gemeinschaft: "Dinge wie in der Kölner Silvesternacht passieren nur, wenn Menschen in der anonymen Masse untertauchen können. Ohne Perspektive, ohne Ziele, ohne gegenseitige Achtung und Wertschätzung." Und das will er verhindern. Immer noch. Auch mit dem Fußball, den er eigentlich hassen müsste, nachdem seine Freunde damals beim Spielen auf der Straße im Bombenhagel starben. Doch heute sagt Koorosh Bazyar: "Fußball ist Leben."Extra

Foto: (h_hochw )

Seine IT-Kenntnisse und sein Computer-Wissen nutzt Koorosh Bazyar auch für das Ausüben seiner fußballerischen Leidenschaft, wenn es ihm die Zeit gestattet. Dann spricht er Fußball-Reportagen für iranische Sender in seiner Heimat. Via Skype verfasst er Spielberichte, kommentiert und analysiert. "Daran habe ich großen Spaß und die fußballbegeisterten Menschen im Iran ebenfalls. Die Frage, ob er eine große Resonanz erfahre, wollte er - bescheiden wie er ist - nicht beantworten: "Darauf kommt es doch gar nicht an ..." jüb