Bei Merschs wird der Milchfluss bald versiegen

Vierherrenborn · Woher kommen unsere Lebensmittel und wie werden sie produziert? Wie leben und arbeiten die Landwirte, die sie produzieren? Vor welchen Herausforderungen stehen sie? In den kommenden Wochen stellt der Trierische Volksfreund verschiedene Zweige der Landwirtschaft in der Region vor. Den Anfang macht der Milchbetrieb Mersch aus Vierherrenborn.

 Franz und Christa Mersch aus Vierherrenborn haben einen Milchbetrieb mit 50 Kühen. Obwohl der Hof vorbildlich geführt ist, müssen sie in Zukunft wie viele andere Landwirte einpacken. TV-Foto: Beate Kerpen

Franz und Christa Mersch aus Vierherrenborn haben einen Milchbetrieb mit 50 Kühen. Obwohl der Hof vorbildlich geführt ist, müssen sie in Zukunft wie viele andere Landwirte einpacken. TV-Foto: Beate Kerpen

Vierherrenborn. Morgens um sechs Uhr klingelt der Wecker bei Franz und Christa Mersch aus Vierherrenborn, auch an Sonn- und Feiertagen. Wenig später sind die Eheleute auf den Beinen. Anziehen, waschen, Zeitung holen, Wetterfax lesen. Das Wetter bestimmt oft den Tagesablauf in der Landwirtschaft, besonders während der Erntezeit, wenn das Getreide oder das Heu vor dem nächsten Regen eingeholt werden müssen. Dann wird rund um die Uhr gearbeitet, teilweise bis tief in die Nacht. "An solchen Tagen kennen wir die Uhr nicht", sagt Christa Mersch.TV-Serie Landwirtschaft

Während seine Christa morgens um kurz nach sechs das Jungvieh füttert, stiefelt Franz Mersch los, um die Kühe zum Melken von der Weide zu holen. "Manchmal steht das Vieh bis zu einem Kilometer vom Hof entfernt, dann fahre ich mit dem Quad", erzählt der 61-Jährige. Früher habe ihm der Fußmarsch nichts ausgemacht, doch heute sei er nicht mehr der Jüngste. "Über 45 Jahre schwere, körperliche Arbeit sind nicht spurlos an mir vorübergegangen", sagt er und ist froh, dass technische Neuerungen wie das motorisierte Vierrad ihm und seiner Frau ein paar der täglichen Arbeiten erleichtern. Zu zweit führen Franz und Christa Mersch einen Milchbetrieb mit 50 Kühen, 105 Jungtieren für die Nachzucht und 53 Hektar Weide- und Ackerland - eine Fläche, die der Größe von mehr als 83 Fußballfeldern entspricht. Verglichen mit 1980, als sie den Hof übernahmen, ist der Betrieb über die Jahre deutlich größer und effizienter geworden. Heute liefert das Ehepaar jedes Jahr 330 000 Liter Milch an die Molkerei, das ist so viel wie 1500 volle Badewannen. "Damit sind wir am Limit unserer Kapazitäten", sagt Mersch. Denn anders als in den heutigen hochgradig technisierten Betrieben, wo sich mehrere Hundert Kühe frei im Laufstall bewegen und vollautomatisch von Robotern gemolken werden können, hängen Franz und Christa Mersch noch jeden Morgen und Abend eigenhändig die Melkmaschinen an. "Mehr Kühe sind mit unserem Anbindestall nicht möglich", sagt Mersch und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: "Auf Dauer ist unser Betrieb so nicht mehr zu bewältigen, geschweige denn zu vergrößern."Schlussstrich unumgänglich

Obwohl er das Wort "aufhören" nicht in den Mund nimmt, spricht Franz Mersch bereits in der Vergangenheit. Nur zu gut wissen er und seine Frau, dass ihr Betrieb langfristig keine Zukunft hat. Nicht nur wegen des Strukturwandels in der Landwirtschaft (siehe Extra), dem immer mehr kleine und mittlere Betriebe zum Opfer fallen. Sondern auch, weil es keinen Nachfolger für den Hof gibt, da sich beide Söhne für einen Beruf abseits des elterlichen Betriebs entschieden haben. So ist es nur eine Frage der Zeit und der Gesundheit, wann Franz und Christa Mersch den Schlussstrich ziehen müssen. "In zehn Jahren sind die Rinder nicht mehr da", sagt Franz Mersch und klingt ein bisschen wehmütig. Der jüngste Sohn hänge aber noch sehr an seinen Wurzeln und werde wahrscheinlich auf dem Hof bleiben, wenn auch nicht als Landwirt. Dieser Gedanke scheint Mersch zu trösten: "Vielleicht könnte man die Gebäude irgendwann zur Lagerhalle umfunktionieren oder Photovoltaik auf dem Dach machen." bekeDie Landwirtschaft ist seit Jahrzehnten von einem Strukturwandel geprägt: Während die Anzahl der Bauernhöfe seit der Nachkriegszeit drastisch abgenommen hat, sind die verbliebenen Betriebe immer größer und effizienter geworden. So gab es 1949 in Rheinland-Pfalz gut 211 000 landwirtschaftliche Betriebe, deren durchschnittliche Betriebsgröße 4,2 Hektar betrug. Dagegen waren es 2010 nur noch rund 20 600 Betriebe, deren durchschnittliche Betriebsfläche allerdings das Achtfache, nämlich 34,3 Hektar, betrug. Auch in Zukunft werden kleine und mittlere Betriebe vor der Wahl stehen, entweder zu wachsen oder zu weichen. Diese Tendenz ist eng verbunden mit dem Problem der Hofnachfolge: Derzeit hat nur jeder sechste Familienbetrieb in Rheinland-Pfalz einen Nachfolger. Dabei gilt: Je größer der Betrieb, desto eher gibt es einen Nachfolger. beke