Betroffenheit und späte Eingeständnisse "Schließung nicht notwendig"

Betroffenheit und späte Eingeständnisse "Schließung nicht notwendig"

Das Vertrauen der Betroffenen ist zerstört. Bei einem Infoabend mit Experten haben Eltern, Mitarbeiter und Schüler gefordert, in der mit giftigem PCB belasteten Hermeskeiler Erich Kästner Realschule erst wieder nach erfolgreicher Sanierung zu unterrichten (der TV berichtete. Arbeits- und Schulbereiche sollen lediglich getrennt werden: Trotz eines Risikos für Schüler und Lehrer sehen Experten in einer Schließung der Erich Kästner Realschule keine Notwendigkeit.

Hermeskeil. Die drei Experten (siehe unten) bemühen sich, Fragen zu Blutwerten und zur Sanierung der mit PCB (siehe Extra) belasteten Erich Kästner Realschule (der TV berichtete mehrfach) zu beantworten. Die Sorgen der Betroffenen können sie jedoch nicht entkräften. Die Menschen fürchten Gesundheitsschäden und bezweifeln den Sanierungserfolg. Daher wird auch mehrmals gefordert, die Schule während der Sanierung zu schließen. Für Timo Lichtenthäler, ein Hauptpersonalrat am Mainzer Bildungsministerium, "die einzig plausible und menschenwürdige" Alternative. Es tue weh zu erleben, wie auf ernste Fragen reagiert werde, und es sei schlimm, "dass Leute jetzt widerrufen, weil sie in die Ecke gedrängt sind".

Die Kritik gilt offensichtlich Bürgermeister Michael Hülpes, der die Veranstaltung wegen eines anderen Termins zu diesem Zeitpunkt schon verlassen hatte. Zuvor hatte er sich mehrmals entschuldigt. Das späte Einschalten einer Fachfirma sei ein Fehler von ihm gewesen. Und es tue ihm leid, dass es in den Klassen zu Staubaufwirbelungen gekommen sei. Er nehme jedoch an, dass der Staub nicht mit PCB belastet gewesen sei - "und wenn, dann nur ganz minimal". Eine Gesundheitsgefährdung sei aber nicht entstanden, ist er trotz der schon seit 2003 beobachteten erhöhten Werte "im 1000er Bereich" überzeugt. Abschließend räumt er ein, "die Befindlichkeiten" der Betroffenen unterschätzt zu haben.

Bei einem bereits geschädigten Lehrer trifft er auf Granit: "Ich nehme Ihre Entschuldigung nicht an - behalten Sie Ihre Schuld für sich." Es sei ein "zähes unglaubliches Ringen" gewesen bis hierher, stellt er von Applaus begleitet fest. Eine schon länger erkrankte Lehrerin bricht in Tränen aus. "Wir tun immer so, als sei die e Krankheit sehr weit weg", berichtet sie von Atemwegsbeschwerden, tauben Händen und Füßen. Gesundheitsamtsleiter Harald Michels reagiert betroffen: "Es tut mir sehr leid, dass sie so ausgeprägte Symptome haben." Joachim Christmann, Sanierungsausschuss-Vorsitzender, versichert: "Wir sind auch in einem gewissen Grad hilflos, aber wir tun, was wir können." Solche Töne hätte er sich früher gewünscht, bedauert ein Mann, zuvor nur mit "Sie werden nicht krank," abgespeist worden zu sein. Ein anderer hätte auch den Schülern Expertenrat gewünscht. Doch niemand sei gekommen, um Fragen wie "Werd ich das Zeug jemals los?" zu beantworten. "Dieses Herunterspielen" sei unerträglich, meint eine Frau. Den Schulelternsprechern liegen zwei Dinge am Herzen: Alle Betroffenen sollten Unfallanzeige erstatteten, empfiehlt Ulla Kolling, die mit einer Interessengemeinschaft sicherstellen will, dass alle weiter informiert werden. Stephan Bytzek fordert, auch Blut der Acht- und Neunklässler zu untersuchen.

Da versehentlich nicht die Betroffenen aller Klassenstufen eingeladen waren, soll ein zweiter Infoabend folgen. Der Einladung zum ersten Termin, an dem die Zehntklässler bereits entlassen waren, waren etwa 100 Menschen gefolgt. Hermeskeil. (urs) Harald Michels, Leiter des Gesundheitsamtes Trier, sieht "aus medizinischer und wissenschaftlicher Sicht" keinen Grund, die Schule zu schließen. Andererseits betont er, er habe nie gesagt, eine Garantie abgeben zu können, dass kein gesundheitliches Restrisiko für die Betroffenen bestehe. Man wisse einfach nicht, ob es im Einzelfall bereits Belastungen gebe oder ob künftige Erkrankungen drohten. Die an der Schule festgestellten PCB seien zwar nicht als "krebsauslösend" eingestuft, wie die Medien häufig falsch formulierten, aber dennoch als krebsverdächtig.

Professor Ulrich Ewers vom Hygiene-Institut des Ruhrgebiets bestätigt einer jungen Lehrerin, PCB seien "als entwicklungs- und fruchtschädigend" eingestuft. Daher müssten Schwangere auch freigestellt werden.

Dennoch ist er überzeugt, Räume mit einer Belastung von 300 bis 3000 Nanogramm (ngr) pro Kubikmeter Raumluft, was für die Mehrheit der Räume zutrifft, könnten "für eine begrenzte Zeit" genutzt werden. Also auch für zwei oder drei Jahre, binnen derer saniert werden solle. Sanierungs-Zielwert sind 300 ngr. Für die junge Frau erschreckend: "Ich könnte das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, die Leute weiter dahin zu schicken."

Egbert Adam von der mit der Sanierungskoordination betrauten Umweltgeotechnik in Otzenhausen erläutert alte Sanierungsfehler. Eine Mustersanierung zeige, dass teils noch Reste der alten Verfugung von vor 1999 existierten. Da sei offensichtlich nicht gründlich genug gearbeitet worden. Die Sekundär-Schadstoffquellen seien behoben, nicht jedoch die dahinter verborgenen ursprünglichen Primärquellen. Adam hofft, das gesamte Kellergeschoss und den Verwaltungstrakt, die am höchsten mit PCB (mehr als 3000 ngr) belastet sind, während der Sommerferien sanieren zu können. Da Lehrer dann arbeiten müssten, wäre ein vor übergehender Umzug in einen Bürocontainer denkbar. In jedem Fall werde dort, wo saniert werde, gesperrt. Die Trennung von Arbeits- und Schulbereich müsse gewährleistet sein. EXTRA PCB (Polychlorierte Biphenylene) sind giftige chemische Chlorverbindungen. Sie zählen zu den zwölf als "dreckiges Dutzend" bekannten organischen Giftstoffen, welche durch die Stockholmer Konvention vom 22. Mai 2001 weltweit verboten wurden. Die Schadstoffe in Hermeskeil sind "leicht flüchtige PCB-Kongenere." Kongenere sind Verbindungen mit dem gleichen Stamm, die sich in ihrer toxischen Wirkung unterscheiden. Die PCB's sind von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe in die Kategorie III b eingestuft worden, was bedeutet, dass sie als krebsverdächtig gelten. (jp)

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