Blau-rote Soldaten treffen Menschen vom Land

Konz · Kaiser Wilhelm II. ist auf dem Höhepunkt seiner Macht, die Armee sein ganzer Stolz. Die meist arme Landbevölkerung muss sehen, wie sie zurechtkommt. Historiendarsteller haben beide Welten - kaiserliche Soldaten und einfache Arbeiter - im Freilichtmuseum Roscheider Hof wiederaufleben lassen. Zur Freude der Besucher.

Konz. "Papa, warum gehen die denn so komisch?", fragt ein kleiner Junge, als er die Soldaten Kaiser Wilhelms II. im Hunsrückdorf am Roscheider Hof marschieren sieht. Es ist Manöverzeit im Freilichtmuseum, wo am Wochenende das militärische wie zivile Leben vor 100 Jahren durch 45 Darsteller lebendig wurde.
Noch ist Frieden, und die Soldaten üben nur: Rot gegen Blau. Fähnrich Marc Becker ist Manöverbeobachter der Soldatendarsteller, die aus dem gesamten Südwesten kommen: "Wir schießen zwar mit Platzpatronen, spielen aber weder Krieg noch zeigen wir Gefallene." Doch plötzlich liegt am Rande des Dorfes Pulverdampf in der Luft. Mit "Hurra" stürmen Soldaten einen Hinterhalt, von dem aus sie beschossen werden.
Die Verbindung zur Truppe hält Klaus-Martin Rautenberg mit der neuesten Technik, dem Telefon. "Da mussten unendlich viele Kilometer Kabel verlegt werden, und wenn es zur Front keine Verbindung mehr gab, war das gar kein gutes Zeichen", erklärt er den Besuchern. Rüdiger Becker vom Förderverein des Freilichtmuseums sieht die Darstellung des Militärs als wichtig an: "Angesichts des Konflikts in der Ukraine muss das Geschichtsbewusstsein wachgehalten werden." Für Trierer sei das Dorf deshalb schon interessant, weil hier einige historische Läden originalgetreu wiederaufgebaut sind. Friedlicher geht es im Kolonialwarenladen von der Organisatorin des lebenden Dorfes, Angela Schwender, zu. Sie bezieht ihre Ware von der Einkaufsgemeinschaft der Kolonialwarenhändler (E.d.K.), die sich seit 1898 zum Großkonzern Edeka entwickelt hat. "Bei meinen Großeltern sah es auf dem Bauernhof noch genau so aus wie hier", erklärt sie.
Die gute alte Zeit war unbequem: "Kein fließendes Wasser, schon gar nicht warm, keine Waschmaschine, kein Kühlschrank, alles muss per Pferde-Fuhrwerk transportiert werden."
"Tja, jede Zeit hat halt Vor- und Nachteile", stellt Urlauber Martin Schneider aus dem Westerwald dazu fest. Derweil pellt Angela Schwender fleißig Kartoffeln, denn bald kommen die Soldaten aus dem Feld zurück und haben Hunger. Auch die beiden Bäckermeister Jochen Schwender und Hermann Philippi haben im Backhaus jede Menge zu tun. Ihr frisch gebackenes Brot kommt bei den Besuchern enorm gut an. Staunen über ihre Kunst erzeugt Puppenmacherin Melitta Wasniewski: "Die Frauen produzierten früher Einzelteile für die Puppenfabriken in Heimarbeit."
Als die Soldaten schon ihre Gewehre und ihre Ausrüstung putzen, erzählt der Sprecher der Gruppe Alte Armee, Mario Zott, warum er einen Soldaten aus der Kaiserzeit darstellt: "Ich habe einen Brief gefunden, in dem ein Soldat von der Front berichtet. Das hat mich so schockiert, dass ich die Erinnerung an dieses grausame Geschehen wachhalten will."
Heute sind es Freunde, die in vielen europäischen Ländern die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts lebendig halten, indem sie Geschichte nachspielen.
Einen einzigen Wermutstropfen gibt es trotzdem: Die Besucher konnten die 1000er-Marke wegen des schlechten Wetters diesmal nicht knacken.
Extra

Der Hunsrückweiler ist das erste vom Freilichtmuseum Roscheider Hof wiederaufgebaute Museumsdorf. Das Rathaus war das erste in das Museum eingestellte Gebäude. Den Abschluss des Projekts bildete 2008 die Eröffnung des Schulhauses aus Würrich. Neben diesen beiden Gebäuden besteht der Hunsrückweiler aus einer Schmiede, einer Scheune, einem Backhaus, in dem auch Brot gebacken werden kann, und mehreren Bauernhäusern, die die verschiedenen sozialen Schichten eines Dorfes repräsentieren. Quelle: <%LINK auto="true" href="http://www.roscheiderhof.de" class="more" text="www.roscheiderhof.de"%>