Bogen oder Altarm - das ist hier die Frage

Kanzem/Schoden/Wiltingen · Die Saar ist ein besonderer Fluss, das steht außer Frage. Doch es gibt auch Dinge, die selbst mancher Einheimische nicht weiß. Zum Beispiel, warum der Wiltinger Saarbogen eigentlich gar kein Altarm ist, obwohl viele ihn so nennen.

 Der schönste Ausblick im Anbaugebiet Mosel: Das ist nach Meinung des Deutschen Weininstituts der Wiltinger Saarbogen. TV-Foto: Christan Kremer

Der schönste Ausblick im Anbaugebiet Mosel: Das ist nach Meinung des Deutschen Weininstituts der Wiltinger Saarbogen. TV-Foto: Christan Kremer

Kanzem/Schoden/Wiltingen. "Kanzem, Naturspur am Altarm der Saar" wirbt eine Broschüre von 1998 für das idyllische Naturschutzgebiet an der Flussschleife zwischen Wiltingen und Kanzem. Das Wassersportzentrum am Saarufer in Schoden bietet ebenfalls eine Altarmtour an. Vor allem, wenn es darum geht, die Schönheit der Natur an dieser Stelle der Saar zu betonen und zu vermarkten, wird der Begriff "Altarm" für diesen Teil des Flusses benutzt.
Unstrittig ist, dass es sich um den natürlichen Lauf handelt. Der später erschlossene Schifffahrtsweg liegt auf der anderen Seite von Kanzem (siehe Extra). Meinungsverschiedenheiten gibt es aber bei der Bezeichnung für den ursprünglichen Flusslauf. Altarm oder Wiltinger Saarbogen, das ist hier die Frage.
Nach einem kürzlich erschienenen Artikel über die "Altarmtour" mit dem Kajak meldete sich ein fachkundiger Leser: Die Bezeichnung stimme nicht. Ein Experte pflichtet ihm im Gespräch mit dem TV bei: "Der Begriff Alt-arm ist definitiv falsch", meint Manfred Wenzel von der Saarburger Dienststelle des Wasser- und Schifffahrtsamts. Für die Behörde ist der Begriff klar nach einer Norm des Deutschen Instituts für Normung (Din) definiert: "Ein Altarm ist eine alte Schleife der Saar, die heute keinerlei Verbindung zum Fluss mehr hat."
Das ist an dem Flussstück zwischen Schoden und Hamm nicht der Fall. Der Bogen fließt hinter der Kanzemer Schleuse zurück in den kanalisierten Durchstich in Richtung Saarmündung. "Was manche als Altarm bezeichnen, nennen wir Wiltinger Bogen", sagt Wenzel. Der etwa acht Kilometer lange Abschnitt sei nach dem großen Ausbau der Saar in den Siebziger- und Achtzigerjahren nahezu unberührt geblieben. Erst danach sei der Begriff Alt-arm aufgekommen. Im Wiltinger Bogen fließt bis heute das Wasser der Saar. Es kommt über die Schodener Staustufe aus Richtung Saarburg (siehe Extra).
Ingo Burghardt ist Leiter des Wassersportzentrums. Er habe sich gar keine Gedanken darüber gemacht. "Ich dachte, das ist der alte Lauf der Saar, da nenne ich die Paddeltour Altarmtour. Die Din-Norm ist mir unbekannt."
Dirk Burdjak, Ortsbürgermeister von Kanzem, hält diesen Sachverhalt für etwas, "worüber sich trefflich streiten lässt". Ihm sei der fast komplett naturbelassene Teil der Saar im Gegensatz zu dem kanalisierten Teil an der Schleuse immer als Altarm bekannt gewesen und auch so vorgestellt worden, als er vor fast zehn Jahren nach Kanzem gezogen ist. Die Bezeichnung sei irgendwann geprägt worden und seitdem fest im Sprachgebrauch verwurzelt. Das bestätigt auch der Wiltinger Ortsbürgermeister Lothar Rommelfanger. Ihm sei der Begriff Wiltinger Bogen erstmals im Zusammenhang mit einem Naturschutzbericht untergekommen.
Bisher habe sich auch niemand über die Bezeichnung "Altarm" beschwert. Natürlich habe er aber nichts gegen den Begriff Wiltinger Bogen, schmunzelnd fügt er hinzu: "Natürlich freuen wir uns, wenn der Name Wiltingen in der Bezeichnung auftaucht." Das sei eine gute Werbung für den Ort.Extra

Kanalisierung: Wegen seiner starken Krümmungen, seinem Gefälle und eng angrenzender Bebauung konnte der Wiltinger Saarbogen nicht für große Schiffe ausgebaut werden. Deshalb wurde zwischen 1978 und 1983 im Rahmen der Saar-Kanalisierung der Seitenkanal zwischen Biebelhausen und der Schleuse bei Kanzem erschlossen. Der 2,8 Kilometer lange Schifffahrtsweg gilt als der längste Durchstich, der im Zuge der Saar-Kanalisierung gemacht worden ist. Schutz vor dem Austrocknen: Das Saarwasser aus Richtung Saarburg folgt weiter seinem natürlichen Lauf in den Wiltinger Bogen. Sinkt der Zufluss in den Wiltinger Bogen wegen Trockenheit im Sommer unter 27 oder im Winter unter 22 Kubikmeter pro Sekunde, muss der Verlust ausgeglichen werden, um negative Auswirkungen auf Pflanzen und Tierwelt zu verhindern. Die Turbinen des Pumpwerks an der Kanzemer Schleuse befördern dann Wasser zurück in die obere Schleusenkammer. Gleichzeitig wird der Abfluss am Schodener Wehr so geregelt, dass im Saarbogen der natürliche Wasserzufluss erhalten bleibt. Naturschutz: 1997 wird der Wiltinger Saarbogen zum Naturschutzgebiet erklärt - besonders wegen Brut- und Rastvögeln, die in dem Bereich leben. Altarm der Saar: Unterhalb der Schleuse in Kanzem in Richtung Hamm gibt es ein Gewässer, das der Din-Definition eines Altarms entspricht. Es wirkt heute eher wie ein Teich. Der Saar-Radweg macht einen Bogen ringsherum. Daneben gibt es noch Stillwasserzonen. Das sind alte Schleifen, die noch eine Anbindung zum Fluss haben. Das ist zum Beispiel am Saarburger Sportboothafen so oder am Saarufer bei Serrig. Kurios: Die schönste Mosel-Weinsicht ist an der Saar, lautete vor zwei Monaten die TV-Schlagzeile. Kürzlich hat das Deutsche Weininstitut den Blick von der Wiltinger Kupp auf den Saarbogen und die Steillagen zum schönsten Aussichtspunkt im Weinanbaugebiet Mosel gekürt. Früher wurde die Saar noch mit aufgezählt beim Namen des Anbaugebiets: Bis 2006 hieß das Gebiet Mosel-Saar-Ruwer. Nach der Erneuerung des Bundesweingesetzes wurde das Gebiet umbenannt. cmk/thie