Brücken schlagen zum normalen Leben

Brücken schlagen zum normalen Leben

Wo ist die Bushaltestelle? Wo kann ich einkaufen? Wie funktioniert das Leben in Deutschland? Flüchtlinge in Deutschland haben viele Fragen. Die Caritas in Konz ist eine der Einrichtungen im Land, in denen ehrenamtliche Integrationslotsen ausgebildet werden. Die Lotsen stehen den Flüchtlingen wie überall in der Region mit Rat und Tat zur Seite.

Konz. "Die Grammatik macht mir Probleme", sagt Wasem Al Shareef, "Passiv und Konjunktiv im Deutschen sind sehr schwierig." Vor eineinhalb Jahren war der Syrer noch auf der Flucht. Nun sitzt er in seiner kleinen Wohnung in Konz und schlägt sich mit der deutschen Sprache herum. Bald legt er die Abschlussprüfung seines Kurses ab. Er fürchtet, dass er durchfallen könnte.TV-Serie Fremde Heimat


"Keine Sorge, auch für uns Deutsche ist die Grammatik nicht immer ganz einfach", beruhigt ihn Barbara Molter. Die 52-jährige Erzieherin aus Tawern begleitet Al Shareef und seine Familie als Integrationslotsin im alltäglichen Leben in Deutschland. Molter ist eine von Hunderten Menschen in der Region, die sich für die Flüchtlingshilfe einsetzen.
An diese Tätigkeit gekommen ist sie durch die Teilnahme am zweiten Ausbildungskurs für Integrationslotsen der Caritas in Konz, der Mitte Juni endete. Seither besitzt Molter eine kleine Karte, mit der sie sich beispielsweise auf Ämtern als Integrationslotsin ausweisen kann.Kurs für Integrationslotsen


An sechs Abenden wurden die 15 Teilnehmer im Kurs auf die Begleitung von Flüchtlingen vorbereitet. Themen wie das Asylverfahren in Deutschland, sozialrechtliche Regelungen, Zugänge zu Ausbildung und Arbeit, der Umgang mit Traumatisierten und Menschen aus anderen Kulturen standen auf dem Stundenplan. Auf Wunsch der Teilnehmer kam auch eine Einheit zur Einführung in den islamischen Glauben hinzu.
Al Shareefs Töchter Sereem und Tala sowie das Nesthäkchen, Sohn Melad, tollen durch die Wohnung. Der Vater würde die Mädchen, vier und fünf Jahre alt, gerne in den Turnunterricht schicken. Doch er weiß nicht, wo er sich melden muss. Barbara Molter unterstützt ihn, zeigt ihm die passenden Prospekte und erklärt die Angebote: die Anmeldung, die Uhrzeiten, die Regeln. Auch hat der Familienvater Schwierigkeiten, die vielen amtlichen Dokumente auszufüllen. Übersetzungsprogramme im Internet helfen kaum. "Amtsdeutsch, Wasem", erklärt Molter amüsiert, "das ist die Amtssprache. So ist das hier bei uns."
Die Integrationslotsen investieren viel Zeit, Mühe und guten Willen in die Arbeit. Die Motivation? Hier fallen die Antworten meist ähnlich aus: Sie wollen "sich engagieren", sie wollen "etwas tun", sagen die Lotsen. Die Besuche bei den Flüchtlingen verstehen sie nicht unbedingt als Arbeit, sondern auch als Freizeitgestaltung.
Die Kommunikation zwischen Lotsen und Flüchtlingen ist häufig schwierig, die meisten sprechen kein Deutsch, viele kein Englisch. "Oft kennen die ja auch unser Alphabet nicht, da muss man von ganz vorne anfangen", erzählt Integrationslotsin Marita Peifer aus Kanzem. Die Sprache lernen, das habe für viele Flüchtlinge oberste Priorität. Die Sprache lernen. Ankommen. Verstehen. Die Integrationslotsen sehen sich auch als Brückenbauer für die Flüchtlinge zwischen Sprachkursen und Behördengängen und dem alltäglichen Leben in Deutschland. Eine Beziehung, die von beiden Seiten Verständnis und Geduld verlangt - und aus vielfältigen Gründen manchmal auch nicht reibungslos funktioniert. Manchmal müssen die Lotsen-Flüchtlings-Tandems auch abgebrochen werden. Dreimal habe er das bisher erlebt, berichtet der Ehrenamtskoordinator im Projekt Flucht und Asyl des Landkreises Trier-Saarburg und der Caritas in Konz, Thomas Zuche. Ein Flüchtling habe sich nie an Absprachen gehalten, ein anderer sei nicht ehrlich gewesen. Ein Lotse brach sein Tandem ab, weil er die Betreuung einer minderjährigen Mutter als zu belastend empfand.Nicht jedes Projekt gelingt


Auch das Integrationsprojekt "How to become a german gentleman" (englisch, ins Deutsche übersetzt etwa "Wie man ein deutscher Ehrenmann wird"), das in Konz von zwei Flüchtlingen aus Syrien und Nigeria als Reaktion auf die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht in Köln initiiert wurde, liegt vorerst auf Eis.
Ziel sei es gewesen, Asylsuchenden die deutsche Kultur zu vermitteln, berichtet Thomas Zuche. Dabei habe man aber schnell festgestellt, dass das Thema weit umfassender sei als zuerst angenommen: Die Einstellung von Männern und Frauen zueinander, der Umgang mit Sexualität und mit freier Meinung, mit Politik, Religion, Kultur, Persönlichkeitsrechten und dem eigenen Status in der Gesellschaft - alles Aspekte, die erklärt werden müssten, wenn man einem kulturfremden Menschen die deutsche Mentalität nahebringen wolle. Die eher geringe Nachfrage unter den Flüchtlingen habe das Projekt schlussendlich unverhältnismäßig erscheinen lassen. "Diese Menschen haben zu viel anderes zu tun, was ihnen meistens wichtiger erscheint", sagt Sandra Paul vom Organisationsteam des Projekts. "Sie möchten die Sprache lernen, sie möchten Arbeit finden. Alles andere kommt in ihren Köpfen meistens später, obwohl die Integration so wichtig ist. Wir waren anfangs etwas zu idealistisch."
Thomas Zuche erzählt, dass auch mangelnder Rückhalt in der Bevölkerung die Integration der Asylsuchenden erschwere: "Die Bereitschaft zur Betreuung von Flüchtlingen nimmt spürbar ab", erzählt er, und berichtet dann von den Erlebnissen eines Lotsen, der mit einem schwarzafrikanischen Flüchtling gemeinsam Zug gefahren sei. Eine Gruppe von drei jungen Männern sei geschlossen aufgestanden und habe den Waggon verlassen, als die beiden ihn betraten. "Wir gehen", hätten sie gesagt, "hier stinkt es".
Die Integrationslotsen selbst erzählen von größtenteils positiver Rückmeldung: "Toll, dass du so etwas machst", sagten die meisten. Auch wenn die kritischen Stimmen nicht ausblieben: "Pass nur auf", habe eine ältere Frau Barbara Molter einmal gewarnt, "in zehn Jahren trägst du auch ein Kopftuch."
Wasem Al Shareef aus Syrien sagt zum Thema Integration: "Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig verstehen. Dass wir Respekt haben vor der anderen Kultur." Darüber, was diese andere Kultur für ihn ausmacht, hat Wasem eigene Vorstellungen: Als er mit seiner Familie für das Foto posiert, springt seine Tochter wild herum und zappelt mit den Armen. "Benimm dich", sagt der Vater lachend, "wir sind hier nicht in Syrien."
Die komplette Serie finden Sie im Internet unter
volksfreund.de/fremdeheimatExtra

Kurse zur Ausbildung, Schulung und Unterstützung von Flüchtlingshelfern gibt es nicht nur in Konz, sondern in der ganzen Region. In Trier beispielsweise wurden seit Oktober 2015 120 ehrenamtliche Flüchtlingsbegleiter ausgebildet, 80 sind aktiv tätig. Am Donnerstag, 22. September, beginnt bereits die siebte Schulung. Die Schulungen finden jeweils donnerstags von 19 bis 21 Uhr in den Räumen der Ehrenamtsagentur in der Gartenfeldstraße statt. Anmeldung bei Olga Hermann, Telefon 0651/9120702, E-Mail olga.hermann@ehrenamtsagentur-trier.de Auch in den Landkreisen Eifelkreis Bitburg-Prüm, Bernkastel-Wittlich sowie Vulkaneifel gibt es Möglichkeiten, sich für die Flüchtlingshilfe ehrenamtlich zu engagieren. Neben den Kreisverwaltungen direkt sind hier unter anderem die Caritas, das Deutsche Rote Kreuz und die Volkshochschulen passende Ansprechpartner. dafExtra

Am ersten Integrationslotsenkurs in Konz nahmen 13 Menschen teil, der zweite Kurs im Juni hatte 15 Teilnehmer. Momentan sind in Konz 18 ehrenamtliche Integrationslotsen aktiv. Der nächste, dritte Ausbildungskurs startet im September: Eine erste Schnupperstunde gibt es am Donnerstag, 22. Semptember, 19.30 Uhr, im Caritas-Beratungszentrum für Flüchtlinge in der Beethovengalerie in Konz. Anmeldungen für den Kurs bei Thomas Zuche, Telefon 06501/9457116, E-Mail an thomas.zuche@caritas-trier.de , oder bei Horst Steffen vom Dekanat Konz-Saarburg, Telefon 06501/4397, E-Mail an horst.steffen@bistum-trier.de dafExtra

Die Beethovengalerie in Konz. Hier finden die Ausbildungskurse für Integrationslotsen statt. Foto: (h_ko )
Wasem Al Shareef (Mitte) mit Ehefrau Eman Alasmi, den beiden Töchtern Sereem und Tala und Integrationslotsin Barbara Molter (rechts). Foto: (h_ko )

5718. So viele Flüchtlinge leben derzeit in der Region. Für ihre Serie "Fremde Heimat" haben die TV-Volontäre umfassende Daten über die Neuankömmlinge zwischen Konz, Trier, Bitburg, Daun und Wittlich ausgewertet. Sie haben viel Zeit mit Flüchtlingen verbracht - und mit denen, die ihnen helfen wollen. Herausgekommen sind Geschichten über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der alten und der neuen Heimat, zwischen Christen und Muslimen. Geschichten über guten Willen und unerwartete Grenzen. Geschichten vom Warten und vom Ankommen.

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