Bürgerwerkstatt ohne Bürger

Die Uni Trier hat Menschen im ganzen Kreis nach ihrer Lebensqualität gefragt. In Bürgerwerkstätten sollen nun Ideen für attraktive Dörfer gesammelt werden. Beim ersten Treffen im Fokus: medizinische Versorgung, Mobilität und Ehrenamt. Normalbürger kamen allerdings nicht.

Saarburg. Die Uni Trier hat etliche Haushalte im Kreis gefragt, wie lebenswert ihr Dorf ist. Die Resonanz war gut. Fast die Hälfte der 6000 Befragten hat geantwortet (der TV berichtete). Die Studie ist Teil des Moro-Projekts (siehe Extra). Ergänzt wird sie etwa von Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung und zur Ärzteversorgung. Ziel ist, Probleme des demografischen Wandels zu identifizieren und Ideen zu sammeln, sie zu lösen. In Saarburg hat eine Reihe kreisweiter Bürgerwerkstätten begonnen.Falscher Adressat

Etwa 30 Politiker und andere Funktionäre waren da - nur Normalbürger fehlten. Den Mannebacher Ortsbürgermeister Bernd Gard veranlasste das zu einer Forderung: "Wir müssen besseres Marketing machen, um die Bürger hierhinzubekommen." Die ganze Veranstaltung hatte den Anschein, dass sie eher für Politiker gemacht war. Die Präsentationen waren tabellenlastig. Mehrfach fielen Sätze wie "Das ist ihnen schon zugegangen" oder "Das haben sie auf der Bürgermeisterversammlung ja besprochen". Einige Ergebnisse der Studien: Die Erreichbarkeit von Ärzten wird sich verschlechtern. Bereits heute dauern Fahrten im Hochwald bis zu 15 Minuten. Im schlimmsten Fall könnte sich diese Zeit bis 2030 verdoppeln. Hochwald und Hunsrück leiden besonders unter Bevölkerungsschwund. Saargau und Obermosel erwarten einen Zuzug. Viele Menschen im Kreis wünschen sich bessere Einkaufsmöglichkeiten, schnelleres Internet und bessere Bus- sowie Zugverbindungen. Zufrieden sind sie mit dem Ehrenamt, den Vereinen und ihrer Dorfgemeinschaft. Modellprojekt Mannebach: Bei jeder Bürgerwerkstatt präsentiert eine Gemeinde Modellprojekte, die kreisweit als gutes Beispiel dienen. In Saarburg erläuterte Ortsbürgermeister Bernd Gard das Mannebacher Mobilitätsmodell. Mit ihm sollen Gesundheitsprävention und die Teilhabe am Gemeinschaftsleben gefördert werden.Herzstück ist eine Gesundheitshütte. Dort stehen den Menschen Fitnessgeräte und professionelle Anleitung von Fachkräften zur Verfügung. Außerdem gibt es ein Bürgermobil für Einkaufsfahrten oder Vereinsaktionen. Zwei Seniorenbegleiterinnen helfen älteren Menschen, etwa bei Behördengängen. Studentinnen der Fachhochschule Jena haben altersgerechte Wohnformen in Mannebach wissenschaftlich untersucht.Ärzte und Pflege: Viele Menschen sorgen sich um die medizinische Versorgung im ländlichen Raum. Einige Ideen in Stichworten: bessere Bezahlung und attraktives Wohnumfeld für Ärzte auf dem Land, mehr Versorgungszentren, mehr Kompetenzen für Pflegekräfte, Ärzte in Luxemburg nutzen, mehr Behandlungen mit Telemedizin, Automaten und offene Krankenhausapotheken für Zugang zu Medikamenten, Transportmöglichkeiten zum Arzt verbessern. Dörfliche Infrastruktur: Organisierte Einkaufsfahrten ins nächste Mittelzentrum, wenn Tante-Emma-Läden schließen, Bürgerbusse, Fusionen von Ortsgemeinden, Fitnessräume für die Dorfgemeinschaft, Fragebogenaktionen, um Bedürfnisse der Dorfbewohner zu klären. Freiwilliges Engagement: Vereine fordern Fachleute in komplizierten Steuer- und Haftungsfragen, Koordination von Freiwilligen auf Kreisebene, Förderung von projektorientiertem Engagement, (Fach-)schulen kochen für Senioren, um Ausbildung und Ehrenamt zu kombinieren, klassische Nachbarschaftshilfe stärken. Weil Freiwillige aber nicht alle Dienstleistungen übernehmen können, sollen einfache Bezahlmodelle mit kleinen Aufwandsentschädigungen entwickelt werden. Schulen und Kitas: Alles gut? Wortmeldungen dazu gab es keine. Die Bürgermeister sehen keinen Handlungsbedarf.Meinung

Voll verschenkt!Die Kreisverwaltung organisiert als Teil von Moro Bürgerwerkstätten, um Ideen für lebenswerte Dörfer zu sammeln. Doch außer die verantwortlichen Politikern kann sie keinen Menschen für das Thema begeistern. Klassenziel verfehlt: Sechs, setzen! Die erste Bürgerwerkstatt in Saarburg war ein grandioser Reinfall. Und das lag nicht nur an den fehlenden Bürgern. Die ganze Veranstaltung erschien wie eine lästige Pflicht, wie ein Feigenblatt. Ergebnisse einer wissenschaftlichen Umfrage unter den Menschen im Kreis wurden in einem Sperrfeuer aus Tabellen und Zahlenkolonnen präsentiert. Das versteht kein Mensch! Mehrfach fielen verräterische Sätze wie "Die Ergebnisse sind ihnen ja schon zugegangen". Ja, wem denn? Den Bürgermeistern vielleicht. Zwei Stunden hat es gedauert, bis die Politiker endlich anfingen, die ersten Vorschläge für die Dörfer im Kreis zu sammeln. Bis dahin hätte jeder Normalbürger längst das Weite gesucht. Nicht einmal alle Funktionsträger hielten bis zum Ende durch. Vor den kommenden Werkstätten in Föhren und Hermeskeil heißt es für die Organisatoren: jetzt nachsitzen und Hausaufgaben machen. Fragen: Wie bekomme ich mehr Bürger an den Tisch und wie erkläre ich ihnen verständlich, was Sache ist? Nur so funktioniert ein offener Dialog. Nur so kann man zeigen, dass Moro mehr ist als ein riesiges Subventionsprogramm für Planungsbüros oder eine Beschäftigungstherapie für Verwaltungen. An die Bürger sei dieser Appell gerichtet: Geht nach Föhren und Hermeskeil. Fragt eure Politiker Löcher in den Bauch! t.thieme@volksfreund.deExtra

In den Modellvorhaben der Raumordnung (Moro) sollen Landschaften oder Siedlungen so gestaltet werden, dass sie Modell für Folgeprojekte sein können. Deutschlandweit gibt es mehr als 30 Projekte, die zum Teil beendet sind. Sie umfassen etwa die Gestaltung von Küstenregionen, Ballungszentren oder Flusslandschaften. Die Projektträger arbeiten oft mit Nachbarregionen zusammen. Federführend bei Moro ist das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Es ist dem Bundesverkehrsministerium untergeordnet. thie/cmk Die Termine: Dienstag, 4. Juni, 17 Uhr, Parkcenter des Industrieparks Region Trier in Föhren; Dienstag 11. Juni, 17 Uhr, Musikraum der Integrierten Gesamtschule Hermeskeil. Anregungen gehen an moro@trier-saarburg.de