Das Bitburger Land – Wirtschaftswunderland

Das Bitburger Land – Wirtschaftswunderland

Gerade einmal 60 Jahre sind vergangen, nachdem Bitburg zur toten Stadt erklärt wurde. Das einst kleine Städtchen mit ein paar tausend Einwohnern lag in Schutt und Asche. Ab September 1947 ging ich in eine Schule in Bitburg.

In der heutigen Hauptstraße führte damals nur ein Pfad über ein Trümmerfeld in die Oberstadt, wo noch einige frühere Häuser standen. Ich hatte kein Fahrrad, um nach Bitburg zu fahren. Eine Busverbindung gab es nicht. Daher wohnte ich bei einer Tante. Man hatte einen landwirtschaftlichen Betrieb, und ich musste das Vieh hüten - am Zuckerborn, südlich der heutigen Wittlicher Straße. Von dort aus hatte ich einen weiten Ausblick hinüber nach Mötsch und das spätere Flugplatzgelände: nur Felder und Wiesen. Unterhalb des Krankenhauses standen nur wenige Häuser. In der Saarstraße waren die Gebäude des dortigen Landmaschinenhandels letzte Bebauung. Zwischen Bitburg und Mötsch war die Landstraße leer und mit Bäumen umsäumt. 20. Juni 1948: Währungsreform. Es gab neues Geld; die wertlose alte Reichsmark hatte ausgedient. Von heute auf morgen gab es alles zu kaufen, was vorher nicht möglich war. Man spürte die Aufbruchstimmung. Schon kurze Zeit später begann der Wiederaufbau. Alteingesessene Geschäfte und neue entstanden. In wenigen Jahren hatte sich das Bild der Stadt gewandelt. Arbeit gab es bei den Baufirmen, und die Geschäfte brauchten Personal. Der einst florierende Bitburger "Nikolausmarkt", ein Verdingmarkt für die Landwirtschaft, hatte ausgedient. Als Knecht oder Magd wollten die jungen Leute nicht mehr arbeiten; man wollte lieber einen Beruf erlernen. Dann, wie aus heiterem Himmel: Die Amerikaner bauen vor den Toren von Bitburg, auf den Gemarkungen von Mötsch, Scharfbillig und Röhl, einen Militärflughafen mit großer Wohnsiedlung. Von heute auf morgen hatte sich das Geschehen in Bitburg und dem Umland verändert. Arbeit gab es in Hülle und Fülle für jeden, ob beruflich geschult oder nicht, auf dem Bau oder an vielen anderen Orten. Wie Phönix aus der Asche entstand aus den Trümmern eine neue Stadt Bitburg. Alle möglichen Geschäfte entstanden, es war ein wahrer Bauboom. Viele Gewerbe siedelten sich an und wollten teilhaben am wirtschaftlichen Aufschwung. Auf den Straßen, in der Stadt und im Umland ein verändertes Bild: Große amerikanische Autos, im Volksmund "Straßenkreuzer" genannt, beherrschten den Verkehr. Aber auch Negatives war zu bemerken: Bars und Nachtlokale entstanden. Nicht nur in Bitburg, sondern auch in den Dörfern ringsum wurde kräftig gebaut. Mit viel Eigenleistung und Nachbarschaftshilfe entstanden neue Häuser: eine Wohnung, oder gar zwei, für amerikanische Familien und eine zur Eigennutzung und die Hausfinanzierung war gesichert. Ami-Autos vor den Häusern wurden zu einem gewohnten Bild. Aber man wollte auch selbst mobil sein. Autos wurden gekauft, zuerst ein kleines gebrauchtes und später auch ein neues modernes, als Zeichen dafür, dass man es zu etwas gebracht hatte. Die Saarstraße in Bitburg wurde zu einer "Autostraße". Autohändler aller bekannten Marken ließen sich nieder. Das große Gewerbegebiet "Auf Merlick" entstand. Zwischen Bitburg und Mötsch, heute Teil der Stadt Bitburg, eine durchgehende Bebauung. Viele Bedienstete des Flugplatzes, aus allen Bereichen Deutschlands gekommen, ließen sich in Bitburg nieder und bauten sich ihre Häuser. Der große Neubaubereich Bitburg-Ost, einschließlich des eingangs genannten Zuckerborn und Leuchensang, entstand. Natürlich hat auch die Bitburger Brauerei, größter Arbeitgeber der Stadt, Hersteller einer bekannten Biermarke mit Weltruf, Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt Bitburg, einer Stadt mit einem besonderen Flair, die sich mit vielen gepflegten Anlagen im Stadtbereich anschickt, sich ein besonderes und gastfreundliches Outfit zu geben. Wer hätte es jemals zu glauben gewagt, dass Bitburg und das Bitburger Land, einst das Armenhaus im Westen Deutschlands, ein solches Wirtschaftswunder erleben könnten? Diese Erinnerungen hat Rudolf Leisen für den TV verfasst. Er lebt in Wißmannsdorf. Der ehemalige Banker war 30 Jahre Bürgermeister von Wißmannsdorf und 20 Jahre Mitglied im VG-Rat Bitburg-Land. Im Jahr 2005 wurde er mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.