Das Buch steht im Mittelpunkt

Leise, sensibel, aber auch mit harten Fakten hat die Gemeinde Wiltingen der Bücherverbrennungen zur Nazizeit im Jahr 1933 gedacht. Das sogenannte offene Bücherregal im Ort soll zur Wertschätzung der Literatur beitragen.

Wiltingen. Nicht nur in Berlin, auch in rheinland-pfälzischen Städten gab es vor 80 Jahren Bücherverbrennungen der Nazis. Bibliotheken wurden "gesäubert". Die Katholische Kirche war mit ihrem Volkswartbund (siehe Extra) in die Aktionen, zumindest geistig, verstrickt. Das weist Historiker Thomas Schnitzler aus Trier nach, der bei der Gedenkveranstaltung in Wiltingen den Fachvortrag hält.
Musik erklingt vor rund 80 Zuhörern im Bürgerhaus. Das Duo Ballo Capricioso, Birgit und Clemens Häußer aus Kenn, spielt sogenannte Negermusik, wie es die Nazis damals verunglimpfend nannten. Unter anderem auf dem Programm: Gershwins "Summertime".
Wo die Kanonen blühen


Mit leiser Stimme rezitiert Bruno Plum aus Kanzem ein Gedicht von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1923: "Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?" Der Autor ahnte offenbar damals schon, was da auf Deutschland zukommt, und schrieb eine Randnotiz: Niemand soll sagen, das konnte niemand voraussehen.
"Wir wollen das Buch wieder in den Mittelpunkt stellen", erklärt Ortsbürgermeister Lothar Rommelfanger in seiner Begrüßung mit Hinweis auf das "Offene Bücherregal" der Gemeinde, eine kleine, kostenlose Bibliothek im Bürgerhaus. "Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch bald Menschen", zitiert der Ortschef Heinrich Heine aus dem Jahre 1817.
Harte Fakten lieferte Historiker Thomas Schnitzler aus Trier: "Es gibt eine geistige Mittäterschaft im katholischen Milieu." Es gebe Zeitungsberichte, wenn auch nur wenige, die Bücherverbrennungen auf Schulhöfen beschreiben, nachdem der "Schmutz und Schund" aus den Schulbibliotheken entfernt worden war.
Abituraufsätze wurden über "undeutsche Literatur" geschrieben. Gemeint waren Werke von Erich Kästner (1899-1974), Kurt Tucholsky (1890-1935) oder der jüdischen Lyrikerin Elisa Haas (1879-1969) aus Trier.
Hetze gegen Homosexuelle


Schnitzler nennt den jüdischen Sexualwissenschaftler und bekennenden Homosexuellen Magnus Hirschfeld (1868-1935) aus Berlin als Beispiel eines Opfers. Michael Calmes, Vorsitzender des Volkswartbundes, habe die geistige Brandstiftung von katholischer Seite vorangetrieben: "Es wurde gehetzt, und die Nazi-Kampagnen wurden befürwortet." Gerade die Sexualliteratur sei das verbindende Element zwischen Kirche und Nationalsozialismus.
"Ich habe heute Abend neue Einsichten gewonnen", sagt Zuhörerin Anja Dumjahn (40) aus Temmels. In ihrer Schulzeit sei die Bücherverbrennung als Thema nicht vorgekommen, genauso wenig wie die braune Färbung der Region.
"Es ist für mich die Bestätigung, dass der Nationalsozialismus lange vor 1933 begonnen hat", bilanziert Rolf Gruber (73) aus Kanzem im Gespräch mit dem TV. Die Kirche stelle bis heute ihr unliebsame Bücher auf den Index.Extra

Der Volkswartbund (VWB) ist eine katholische Organisation in Deutschland. Er wurde 1927 gegründet und ging zurück auf den "Kölner Männerverein zur Bekämpfung öffentlicher Unsittlichkeit", der 1896 von dem Zentrumspolitiker Hermann Roeren gegründet worden war. Vereinsorgan war die seit 1908 bestehende Zeitschrift Der Volkswart. Ab 1951 nannte sich der VWB "Bischöfliche Arbeitsstelle für Fragen der Volkssittlichkeit". Zwischen 1959 und 1962 veranlasste der VWB 271 Indizierungsanträge bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, von denen 91 zu Indizierungen führten. Der ehemalige Volkswartbund firmiert gegenwärtig als Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendschutz, ein eingetragener Verein mit Sitz in Köln. doth Quelle: Wikipedia