Das Ende einer langen Odyssee

KASTEL-STAADT/LUXEMBURG. Heute vor 60 Jahren kehrte Johann der Blinde, König von Böhmen, Graf von Luxemburg, von Kastel-Staadt heim nach Luxemburg. Egon Sommer hat sich mit diesem Thema intensiv beschäftigt:

Viele kennen das Areal um die Grabkapelle König Johanns von Böhmen bei Kastel-Staadt. Nur wenige kennen jedoch die Hintergründe um die Rückkehr des Königs nach dem Zweiten Weltkrieg in seine Heimat Luxemburg. Zu den alliierten Siegermächten des Zweiten Weltkriegs zählend, nahm die luxemburgische Armee von 1945 bis Ende 1946 die Rolle der Besatzungskräfte in einem begrenzten deutschen Gebiet entlang von Sauer und Mosel wahr. So kam es, dass luxemburgische Soldaten eine Ehrenwache an der Grabstätte ihres Nationalhelden in Kastel aufstellten, mit dem Ziel, ihren seit 1809 auf fremdem Boden beigesetzten Landsmann in seine Heimat zurückzuführen. Rückführung nach Jahrhunderten

Das naturwissenschaftliche Kabinett von Johann-Franz Boch-Buschmann in Mettlach und ab 1838, auf persönliche Veranlassung des Kronprinzen und späteren Königs von Preußen, Wilhelm IV., die vom deutschen Hofbaurat Schinkel erbaute Grabkapelle auf dem Felsen bei Kastel waren die Orte, an denen der tote König 137 Jahre außerhalb Luxemburgs weilte. Die Rückführung begann am 10. August 1946, auf den Tag seiner Geburt genau vor 650 Jahren, mit der Öffnung des Sarges. Der Sarg mit den Gebeinen des Königs war in einem Sarkophag aus schwarzem Marmor in der Grabkapelle in Kastel (heute noch dort zu besichtigen) aufbewahrt. Zweifel, die wegen der Odyssee der Gebeine König Johanns durch die Jahrhunderte aufgekommen waren, veranlassten luxemburgische Experten, den Sarg-Inhalt in Augenschein zu nehmen. Festgehalten wurde dies vom Mentor für die Rückführung, Professor Lucien Koenig (gestorben im Jahr 1961). Der als "Siggi vu Letzeburg" bekannte Gelehrte habe angesichts der Überreste lapidar festgestellt: "En ass et!" Die endgültige Bestätigung bezüglich der Echtheit der Gebeine erbrachte eine medizinische und anthropologische Untersuchung der sterblichen Überreste. Im Rahmen eines Kulturabkommens zwischen der Tschechoslowakei und dem Großherzogtum Luxemburg wurde das Skelett nach Prag gebracht und dort durch das Nationalmuseum, wissenschaftlich unterstützt von der Universität Prag, untersucht. Die Ergebnisse beweisen eindeutig die Authentizität des Skeletts Johanns von Luxemburg. Johann von Luxemburg (Jan Lucembursk), geboren am 10. August 1296, fiel in der Schlacht der Franzosen gegen die Engländer bei Crécy in Frankreich am 26. August 1346. Die Tatsache, dass er als Blinder geführt von zwei Rittern in seine letzte Schlacht zog, brachte ihm die spätere Bezeichnung Johann der Blinde ein. Am 25. August 1946, einen Tag vor dem 600 Jahre zurückliegenden Todestag des Herrschers, setzte sich der Militärkonvoi in Begleitung wichtiger Persönlichkeiten Richtung Luxemburg in Bewegung. Die Generalorder Nummer fünf der luxemburgischen Armeeführung vom 20. August 1946 lautete: "Die Regierung des Großherzogtums Luxemburg gibt hiermit bekannt, dass die sterblichen Überreste von König Jean dem Blinden, König von Böhmen und Graf von Luxemburg, aufgrund des 600-jährigen Todestages des Nationalhelden, am 25. August nach Luxemburg rückgeführt werden." Der Tagesbefehl vom 22. August 1946 beschreibt weiter auch die Route durch das "besetzte Gebiet" von Kastel über Trassem, Meurich, Kirf, Münzigen, Sinz nach Remich. Über Reaktionen der einheimischen Bevölkerung ist lediglich bekannt, dass zufällig am Wege stehende Bürger in Kastel dem vorüberziehenden Zug mit Stillstehen Ehre zu erweisen hatten. Begeisterter Empfang in Luxemburg

Riesig war die Begeisterung bei der Ankunft des Konvois gegen 14 Uhr in Remich. Die damalige luxemburgische Familienillustrierte "Revue" berichtete in der Ausgabe vom 1. bis 15. September 1946 unter dem Titel "Onse Blanne Jang ass erom dohem" ("Unser blinder Johann ist wieder zu Hause") in einem mehrseitigen Bericht von der Abfahrt in Kastel bis zur triumphalen Ankunft auf dem Bockstein in der Hauptstadt. Um 16 Uhr erreichte der Konvoi die Geburtsstadt Johanns. Die Illustrierte schrieb: "Die ersten Klänge der Uelzecht (landläufig für luxemburgische Nationalhymne), von der Harmonie municipale gespielt, wurden von dem Glockengeläute übertönt, das von den Türmen der Kirchen erklang. Es verbreitete die Nachricht und alle, die es hörten, wussten, dass in dem Augenblick Johann der Blinde wieder einmal in seine Geburtsstadt einzog." Die nachweislich zehnte Grabstätte sollte nun für den Sohn Kaiser Heinrichs VII. in der Krypta der Kathedrale "Unserer Lieben Frau" von Luxemburg voraussichtlich die letzte Ruhestätte sein. Egon Sommer ist SPD-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat Tawern und Mitglied im Verbandsgemeinderat.

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