Den Verzicht üben

KELL AM SEE/HERMESKEIL. (hm) Kein Fleisch in der Fastenzeit, die Essgewohnheiten gänzlich umstellen oder gar "am Hungertuch nagen" sind einige Möglichkeiten, die der gläubige Christ in der Fastenzeit für sich auswählt.

Ganz ehrlich betrachtet: Wer weiß schon um die Bedeutung und die Herkunft des Ausdrucks "am Hungertuch nagen"? Oft wird diese Aussage heute mit Armut, dem Fehlen finanzieller Mittel, um ausreichend Lebensmittel zu kaufen, identifizert, oder der Ausdruckwird verbunden mit der bildlichen Vorstellung, an einem Tuch zu kauen, um sich selbst zumindest den Eindruck des Essens vorzutäuschen. Doch diese Annahme entspricht nicht der eigentlichen Herkunft dieser Redewendung. Mit einem Tuch wurde etwa seit dem Jahre 1000 in der Fastenzeit der Altar in der Kirche verhängt. Der Gedanke war wohl, dass der sündige Mensch unwürdig ist, Gott zu sehen. Im Mittelalter wurden die Hungertücher mit Passionsmotiven bebildert. Aus Geschichtsbüchern bekannt sind die Hungertücher des Freiburger Münsters und von Zittau in Sachsen. Auch die neuen Hungertücher, meist von Künstlern der Dritten Welt geschaffen, stellen biblische Motive dar. Sie werden von Misereor den Gemeinden zur Verfügung gestellt. Am Aschermittwoch ist für die Gläubigen der katholischen und evangelischen Kirche die Fastenzeit angebrochen. Beide Konfessionen gehen jedoch differenziert mit ihr um. Die evangelische Kirche startet seit 23 Jahren die Fastenaktion "sieben Wochen ohne". An dieser Aktion nehmen jährlich rund zwei Millionen Menschen teil, die versuchen, in der Zeit bis Ostersonntag auf Alkohol, Zigaretten oder Fernsehen zu verzichten oder sich im traditionellen Fasten üben. Fastenzeit als "gebundene Zeit"

Im christlichen Festkalender geht die Fastenzeit dem Osterfest voran, das auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond festgesetzt wurde. Der Termin der Fastenzeit ist beweglich und definiert sich im Verhältnis zu Ostern durch die Länge der Fastenzeit. Die Fastenzeit gilt als gebundene Zeit, denn in dieser Zeit waren die Christen an die Verpflichtungen zum Fasten, den Besuch der Gottesdienste und der Teilnahme an der Beichte gebunden. 1969 erneuerte die römisch-katholische Kirche die Grundordnung des Kirchenjahres. Die Fastenzeit dauert nicht mehr bis Karsamstag, sondern endet bereits mit dem Gründonnerstag. Dennoch wird auch am Karfreitag gefastet. Im Mittelalter - so ist zu lesen - durfte man fast gar nichts essen außer drei Bissen Brot und drei Schluck Bier oder Wasser. 1486 erlaubte der Papst dann auch Milchprodukte in der Fastenzeit.