Der Arzt wartet künftig in Birkenfeld

Hermeskeil · Schlechte Nachrichten für Patienten aus dem Raum Hermeskeil: Wer mittwochnachmittags oder am Wochenende erkrankt, muss sich ab 1. Dezember an die ärztlichen Bereitschaftszentralen in Birkenfeld oder Trier wenden. Denn die Ärzte in Hermeskeil, Reinsfeld und Beuren dürfen nicht mehr länger den Bereitschaftsdienst abwechselnd in ihren eigenen Praxen organisieren. Sie sind stocksauer über den Beschluss.

Bald auch Anlaufstelle für Hermeskeiler Patienten: die ärztliche Bereitschaftszentrale in Birkenfeld. TV-Foto: Axel Munsteiner

Hermeskeil. Ein aktueller Brief aus Mainz ist bei den Ärzten in der Verbandsgemeinde (VG) Hermeskeil wie eine Bombe eingeschlagen. Absender ist die Kassenärztliche Vereinigung (KV), deren Aufgabe die Sicherstellung der medizinischen Versorgung in Rheinland-Pfalz ist.
Die Entscheidung: Die KV hat mit Wirkung zum 1. Dezember eine Neuregelung angeordnet. Der bisher dezentral organisierte Bereitschaftsdienstbereich Hermeskeil/Reinsfeld/Beuren wird aufgelöst. Bisher hatten sich dabei etwa 20 Ärzte an Mittwochnachmittagen und Wochenenden in ihren eigenen Praxen abgewechselt. Der eingeteilte Mediziner macht während seiner Dienstzeit auch Hausbesuche bei bettlägrigen Patienten.
Die Ärzte werden ab nächsten Monat der Bereitschaftsdienstzentrale (BDZ) in Birkenfeld zugeordnet und dort auch für Dienste eingesetzt. Die Patienten aus elf von 13 VG-Orten werden - wie es bei den Morbachern und Thalfangern schon länger der Fall ist - künftig der BDZ Birkenfeld zugeordnet. Sie müssen in die benachbarte Kreisstadt fahren, wenn sie an Wochenenden Behandlungsbedarf haben. In Birkenfeld ist ein Arzt immer vor Ort. Ein weiterer Arzt rückt für Hausbesuche aus. Wie die KV auf TV-Anfrage mitteilt, wird darüber nachgedacht, den Fahrdienst mit einem zweiten Mediziner zu besetzen. Die weiteste Entfernung gibt es mit 33 Kilometern von Birkenfeld nach Reinsfeld. Für Patienten aus Naurath und Bescheid ist künftig die BDZ im Mutterhaus Trier zuständig.
Die Reaktion der Ärzte: Die beiden Hermeskeiler Allgemeinmediziner Dr. Daniele Aurich-Schäfer und Dr. Ortwin Zais sind schwer verärgert: "Wir wissen eigentlich nur, dass es unser Gebiet künftig nicht mehr gibt. Über den weiteren Ablauf, etwa den Dienstplan, haben wir null Informationen", sagt Aurich-Schäfer. Es sei völlig unverständlich, warum die KV das bisherige Bereitschaftsdienstsystem "zerschlägt, obwohl es gut funktioniert und es jeder begriffen hat", so Zais. Einig sind sich beide darin, dass die Neuregelung eine "enorme Verschlechterung" für die Patienten bedeute. "Die Leute werden durch die Gegend gescheucht", sagt Zais.
Schon seit 2009/2010 - als die Patienten und Ärzte aus der VG Kell der BDZ Saarburg und die aus Thalfang der BDZ Birkenfeld zugeordnet wurden - war häufiger von der Einrichtung einer Zentrale im Hermeskeiler Krankenhaus die Rede. Die KV hatte das früher auch als Ziel formuliert (der TV berichtete). Zais bekennt offen, dass viele heimische Ärzte bisher nicht die Notwendigkeit einer solchen Zentrale in der St. Josef-Klinik gesehen haben, "weil die Versorgung gesichert war und man sich sowohl als Arzt als auch als Patient in vertrauten Räumen wohler fühlt". So sieht es auch Aurich-Schäfer. Sie fügt aber hinzu, dass ein BDZ in der Hermeskeiler Klinik im Vergleich zu Birkenfeld "für unsere Bevölkerung die bessere Variante wäre".
Gegenüber unserer Zeitung machte die KV gestern jedoch deutlich, dass "es zurzeit keine Überlegungen gibt, eine zusätzliche BDZ in Hermeskeil einzurichten." "Aus meiner Sicht ist das eine rein wirtschaftliche und keine patientenorientierte Entscheidung", klagt Zais. Dem widerspricht die KV. Sie verweist darauf, dass für eine neue Zentrale zwei Faktoren entscheidend sind: das zu erwartende Patientenaufkommen und die Zahl der diensttuenden Ärzte. Letztere sei in Hermeskeil zu gering, und es werde "künftig wohl keine Besserung der Lage geben".Meinung

Bittere Pille
Eins ist klar: An den Bereitschaftszentralen geht im ländlichen Raum auf lange Sicht kein Weg vorbei. Laut einer Studie des Kreises gibt es 2024 keine Hausärzte mehr in Hermeskeil, weil bis dahin alle noch aktiven Mediziner in Ruhestand gegangen sind und keiner weiß, ob er einen Praxisnachfolger findet. Doch zurück ins Hier und Jetzt. Da bleibt festzuhalten: Die KV verschreibt den Patienten aus dem Raum Hermeskeil eine ganz bittere Pille. Ohne akute Not wird ein (noch) funktionierendes System beim Bereitschaftsdienst abgesetzt und erkrankten Menschen der weite Weg nach Birkenfeld zugemutet. Das ist vor allem deshalb nur schwer vermittelbar, weil Hermeskeil ein Klinikstandort ist und damit eigentlich prädestiniert für eine Zentrale wäre, die in der Praxis sicher auch für den Großteil der Patienten aus der VG Kell und der VG Thalfang die geeignetste Anlaufstelle wäre. a.munsteiner@volksfreund.deExtra

Rainer Saurwein ist Sprecher der KV in Mainz. Wichtig ist ihm zunächst folgende Klarstellung: "Die BDZ ist nicht für lebensbedrohliche Fälle gedacht. Dann muss man unter 112 den Rettungsdienst alarmieren, damit Notarzt und Krankenwagen kommen." In ländlichen Gebieten sei die Abkehr von dezentralen Bereitschaftsdiensten in eigenen Praxen hin zu Zentralen bundesweit im Gange. Grund ist der kommende Ärztemangel. Junge Mediziner könne man nicht mehr zur Ansiedlung auf dem Land bewegen, wenn sich damit die Aussicht auf viele Wochenenddienste verbindet. Für den Standpunkt der Hermeskeiler Ärzte, alles beim Alten zu belassen, hat Saurwein kein Verständnis: "Diese Kollegen denken nicht weiter als die nächsten vier oder fünf Jahre. Sie sehen einfach nicht, dass keine Ärzte mehr nachkommen, die mit diesem System einverstanden wären." Zwar räumt Saurwein ein, dass die Patienten künftig einen weiteren Weg zum Bereitschaftsarzt haben. Durch die Neuregelung gebe es aber auch Vorteile: Am Anlaufpunkt in Birkenfeld sei immer ein zuständiger Arzt vor Ort. "Die Patienten müssen daher nicht erst erfragen, welcher Arzt den Bereitschaftsdienst übernommen hat", so die KV. ax