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Gesellschaft: Der biedere Bürger als latenter Rassist

Gesellschaft : Der biedere Bürger als latenter Rassist

Der Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz öffnet in Saarburg vielen Zuhörern die Augen für alltägliche und versteckte Ressentiments.

Professor Wolfgang Benz ist bereits 78 Jahre alt, dennoch spricht er mit der Klarheit und Leidenschaft eines jungen Mannes, bleibt dabei jedoch immer äußerst sachlich und faktenorientiert.

Er ist der führende Antisemitismusforscher in Deutschland und das schon seit vielen Jahrzehnten, er war beispielsweise an entscheidender Stelle als Berater für das Berliner Holocaust-Denkmal tätig.

Am Montagabend hat er den weiten Weg von Berlin auf sich genommen, um in der Saarburger Kulturgießerei über sein Lebensthema zu referieren und zu diskutieren. Mit auf dem Podium sitzen als kundige und engagierte Fragesteller und Stichwortgeber die Historikerin Dr. Kathrin Mess aus Luxemburg und Lukas Zimmer von der Fachstelle „Demokratie leben“ der Kulturgießerei.

Mehr als 50 Zuschauer, darunter auch viele jüngere Leute, begrüßt Hausherrin Anette Barth im proppenvollen Café Urban der ehemaligen Glockengießerei zum Thema „Präsenz und Tradition eines Ressentiments“. Den hohen Stellenwert, den die Initiative „Augen auf – Gegen Antisemitismus“ genießt, zeigt die Anwesenheit des Beauftragten der Landesregierung für jüdisches Leben, Dieter Burgard.

Der führt in seiner Einleitung aus, dass nur ein geringer Teil der rund 20 000 Menschen jüdischen Glaubens in Rheinland-Pfalz ihren Glauben offen leben würden, eben aus Angst vor Ressentiments.

Benz sagt, dass Antisemitismus zunächst einmal eine Emotion sei, die auf einer jahrhundertealten Tradition der Suche nach einem Sündenbock basiere. Ein krudes Konstrukt, weil man Feinde brauche, damit es einem besser gehe.

Dagegen sei der arabische Anti-Zionismus (bezogen auf den Berg Zion, den geografischen Mittelpunkt des jüdischen Glaubens) eher politischer Natur und auch gegen den Staat Israel gerichtet. Den jüdischen Staat dürfe man heute – historisch bedingt – in Deutschland nur sehr vorsichtig kritisieren, wie die umstrittene Hanitzsch-Karikatur in der Süddeutschen Zeitung zeige. Benz hält es da eher mit dem verstorbenen Bundespräsident Johannes Rau, der es für seine Pflicht hielt, Freunde politisch zu kritisieren, als mit Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm, der von Israels „hemmungslosen Vernichtungskriegen“ gesprochen hat.

Der Professor bewahrt wissenschaftliche Distanz zu jüdischen Funktionären, Institutionen und Aktivisten, die er teils als „Alarmisten“ bezeichnet. Der Rassismus – wobei es für ihn als Wissenschaftler keine Rassen per Definition gibt – sei dennoch immer noch in der Mitte der Gesellschaft, bei einigen „biederen Bürgern“ latent vorhanden, aber versteckt.

Viele Mittäter des Holocaust seien eben nach dem Krieg noch in Amt und Würden gewesen und hätten antisemitisches Gedankengut weitergegeben. Dass das alles in Deutschland, dem Land von Beethoven und der Aufklärung passieren konnte, ist ihm auch nach vielen Jahrzehnten der Forschung unerklärlich. Es gebe keinen „neuen Antisemitismus“ in Deutschland, vielmehr sei dieser immer derselbe geblieben, mal mehr, mal weniger öffentlich.

Selbst die AfD, in deren Reihen es viele „schreckliche Antisemiten“ gebe, hüte sich, offen judenfeindlich zu sein. Als neues Feindbild müssten da eher die Flüchtlinge herhalten. Dennoch ist Professor Wolfgang Benz nicht bange um die Zukunft, es sei gut und wichtig, Antisemitismus zu bekämpfen, das werde ja auch getan. „Wir müssen das Übel so weit eindämmen, dass es zumindest nicht größer wird, ganz werden wir das Böse nie loswerden können“, sagt er.

Die anschließende, durchaus kontroverse Diskussion führte zu Themen wie Philipp Jenningers 1988er-Rede zur Progromnacht, die Erinnerungskultur durch Stolpersteine oder die umstrittenen Äußerungen des AfD-Hetzers Bernhard Höcke zum Holocaust- „Mahnmal der Schande“. Ein wichtiger und hochinteressanter Abend endet mit großem und respektvollem Beifall.