Der jüdische Gelehrte Alexander Grudensky diskutierte lebhaft mit seinem Publikum in der Kulturgießerei über das Judentum.

Judentum : Liberaler Rabbi in internationaler Gemeinde

Der jüdische Gelehrte Alexander Grodensky diskutierte lebhaft mit seinem Publikum in der Kulturgießerei über das Judentum. Er äußert sich zu der Frage, warum Gott  Auschwitz zulassen konnte.

Im Rahmen der Partnerschaft „Demokratie leben“ hatte die Initiative „Augen auf“ gegen Antisemitismus zu einer Diskussionsrunde in die Saarburger Kulturgießerei geladen. Auf dem Programm stand ein Dialog mit dem Rabbiner der jüdischen Gemeinde Esch/Alzette in Luxemburg, Alexander Grodensky. Die Diskussion war lebhaft, einen Vortrag hielt der Rabbi bewusst nicht, die Themen ergaben sich im Gespräch.

Grodensky ist seit vier Jahren in der luxemburgischen Gemeinde tätig. Der 1983 in der ehemaligen Sowjetrepublik geborene Theologe (Studium bis 2015 in Potsdam) bezeichnet sich selbst und seine Gemeinde als liberal. Diese Strömung innerhalb des Judentums versucht, abseits von archaischer Glaubensauslegung, jedem Gläubigen seinen individuellen und persönlichen Zugang zur Religion zu ermöglichen, Frauen sind – auch als Rabbinerinnen – ausdrücklich eingeschlossen. Im Gegensatz dazu übernehmen bei den orthodoxen und den konservativen Juden Frauen keine aktive Rolle bei der Ausübung des Glaubens. Mit seinem Kollegen, dem Großrabbiner der orthodoxen Gemeinde in Luxemburg-Stadt, versteht sich Grodensky aber gut, „wir sind im konstruktiven Dialog“, versichert er. Rund 600 Juden seien in Luxemburg registriert, 130 Mitglieder zähle die Gemeinde in Esch, die sich nach starkem Mitgliederschwund erst im Jahr 2009 mit liberaler Ausrichtung neu gegründet hatte. Sie steht für eine freiheitliche Ausrichtung, für einen bewussten und kritischen Umgang mit der Tradition, der die soziale Entwicklung berücksichtigt. Homophobie (Feeindseligkeit gegen Lesbische und Schwule)  und Xenophobie (Fremdenfeindlichkeit) habe keinen Platz bei ihnen, das seien Symptome des Hasses. International sei seine Gemeinde, sagt der polyglotte Rabbiner, die Gottesdienste würden auf Englisch und Hebräisch gehalten, viele Mitglieder seien aus dem europäischen Ausland oder den USA nur übergangsweise wegen des Jobs in Luxemburg.

Es gebe Orgelmusik und gemischten Chorgesang in Esch, auch die Auslegung des Ruhetages Sabbat sei nicht so streng wie bei den Orthodoxen, die dann beispielsweise weder das Auto noch irgendwelche elektrischen Geräte nutzten. Es gebe aber Grenzen, die man setze, beispielsweise sei der Glaube an Jesus Christus eine „rote Linie“, die auch bei den Liberalen nicht überschritten werden dürfe.

Ob er denn Antisemitismus erlebt, wird der junge Rabbi gefragt, der  – im Gegensatz zu einigen Besuchern des Abends – offensichtlich keine Angst oder Beklemmung verspürt. „Natürlich“, lautet seine Antwort, er und seine Gemeindemitglieder würden dem aber mit großer Offenheit und einem breiten Engagement der Juden in der Gesellschaft begegnen. Empörungskultur und Symbolpolitik würden nichts helfen, er setzt auf Kooperation in den Strukturen: „Juden in der Opferrolle, das ist kontraproduktiv, Zivilcourage ist gefragt!“ Es sei eine große gesellschaftliche und politische Aufgabe, den Antisemitismus weitestmöglich einzudämmen, dazu müsse man die sozialen Kompetenzen schon bei Kindern und Jugendlichen erweitern: „Nach Auschwitz in die Gedenkstätte fahren, das genügt nicht!“ Apropos Auschwitz: Auf die Frage, wo Gott denn in Auschwitz gewesen sei, sagt der charismatische Rabbiner, der durchaus Zweifel zeigt, aber dennoch mit sich und seiner Religion im Reinen zu sein scheint: „Ich glaube nicht, dass ein allmächtiger Gott dem Menschen seine Verantwortung für Verbrechen und Schuld abnehmen kann, er versucht zu helfen auf dem Weg zum Guten und Schönen, am Ende ist es aber unsere Entscheidung, was wir tun. Gott hat in Auschwitz mit uns gelitten, als mitfühlender Begleiter. Das Böse ist das Nebenprodukt der Freiheit der Schöpfung.“