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Der lange Weg zu 25 Stolpersteinen

Saarburg. Der Künstler Gunter Demnig verlegt seit vielen Jahren kleine Gedenksteine, um an die Opfer des Nationalsozialismus in der jeweiligen Gemeinde zu erinnern. Solche Stolpersteine soll es auch in Saarburg geben - doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Julia Kalck

Saarburg. Jeder fünfte Deutsche zwischen 18 und 29 kann mit dem Begriff Auschwitz nichts anfangen. Dieses Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa wurde Ende Januar bekannt. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat sich dem Kampf gegen das Vergessen der Naziverbrechen verschrieben - und zwar mit sogenannten Stolpersteinen (siehe Extra). In Freudenburg gibt es sie seit April vergangenen Jahres (der TV berichtete).
Auch in Saarburg sind Stolpersteine wieder im Gespräch. Schon 2009 hatte sich die Stadt mit dem Thema befasst. Nun war es die SPD, die es in den Ausschuss für Kultur, Jugend und Sport einbrachte. "Das ist aber kein Projekt der SPD", betonte Edith van Eijck, SPD-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat.
Seit 2009 bereits ist der Beuriger Alfred Jager dabei, die notwendigen Schritte für die Stolpersteine zu gehen. Denn es ist alles andere als einfach und schnell möglich, die Gedenksteine zu verlegen.
Die Stadt muss einverstanden sein, dass diese Steine auf öffentlicher Fläche in den Boden gesetzt werden. Dazu bedarf es eines Ratsbeschlusses. Es muss ein gemeinnütziger Trägerverein da sein, der Spenden sammeln kann. Es muss lokale Partner oder Bündnisse geben, die vor allem die Biografien der Saarburger Nazi-Opfer aufarbeiten und die die Angehörigen dieser Opfer ausfindig machen.
Die Stolpersteine sind nicht unumstritten. Die Jüdische Kultusgemeinde Trier lehnt die Stolpersteine grundsätzlich ab - es sei denn, die Angehörigen der Opfer stimmen der Verlegung eines solchen Steins zu. Ein Argument gegen die Steine: Sie werden buchstäblich mit Füßen getreten.
Klosterstraße kommt infrage


Den Weg über die Angehörigen geht Alfred Jager bereits. Er beschrieb im Ausschuss, wie schwierig dies ist. So habe man beispielsweise einen Nachfahren der Beuriger Familie Levy gesucht, schließlich eine Adresse in den USA gefunden, dann aber feststellen müssen, dass dieser bereits gestorben ist. Nun geht die Suche in Israel weiter, wo wiederum Verwandte des Nachfahren leben sollen. Auch die Standorte müssen ausfindig gemacht werden. Edith van Eijck und Alfred Jager gehen von etwa 25 Steinen aus, die in Saarburg verlegt werden könnten. "Wir müssen die Erinnerungskultur aufrechterhalten und ein Bewusstsein schaffen, dass man diese Menschen wieder in die Gemeinschaft aufnimmt", sagte Jager.
Stadtbürgermeister Jürgen Dixius betonte, die Stadt sei sich ihrer historischen Verantwortung bewusst. Er verstehe den Antrag so, dass er motivieren solle, dass die Arbeit am Stolperstein-Projekt weitergehe. "Das muss aber die Gemeinschaft sein, die das angeht, nicht eine Partei."
Laut Edith van Eijck, die im Vorstand des Vereins Offene Jugendarbeit Saarburg sitzt, ist der Verein daran interessiert, als Träger des Projektes aufzutreten. Die Mitgliederversammlung muss diesem Vorhaben beim nächsten Treffen im März aber noch formal zustimmen.
Bis die ersten Steine dann wirklich verlegt werden könnten, wird es ohnehin noch dauern. Denn Demnig ist ziemlich ausgebucht. Edith van Eijck: "Es sollte unser Ziel sein, in zwei Jahren auf die Warteliste zu kommen."Meinung

Gemeinsam gegen das Vergessen
Wenn 20 Prozent der unter 30-Jährigen nicht mehr wissen, für was Auschwitz steht, und Zeitzeugen immer weniger werden, ist es wichtiger denn je, die Erinnerung an die Opfer der Nazis lebendig zu halten. Und zwar, ohne die Menschen mit der Moral- und Schuldkeule zu erdrücken. Stolpersteine sind dafür ein gutes Instrument. Denn sie sind eben kein großes Mahnmal, sondern ein kleiner, in den Alltag integrierter Hinweis: Die Menschen, die Hitler ermorden ließ, waren Nachbarn, waren Saarburger. Kritik am Projekt muss natürlich ernst genommen, der Wille der Angehörigen akzeptiert werden. Gerade aber wenn die Initiatoren die Jugend mit ins Boot holen, um gemeinsam das Projekt anzugehen, dann ist das ein großer Schritt gegen das Vergessen. Und ein wichtiger Beitrag zur Stadtgeschichte obendrein. j.kalck@volksfreund.deExtra

Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg einlässt. Inzwischen liegen Stolpersteine in mehr als 500 Orten in Deutschland und Europa - darunter Trier, Wiltingen und Freudenburg. Auf den Tafeln stehen Name, Geburtsdatum und Schicksal des Opfers. Finanziert wird das Projekt über Sponsoren und Stein-Patenschaften. Eine Patenschaft für einen Stein kostet 120 Euro. Die Gesamtkosten sind aber noch höher, rechnet man Ausgaben für Recherche und die Verlegezeremonie selbst hinzu, zu der auch Angehörige eingeladen werden. jka

 Gunter Demnig. TV-Foto: Julia Kalck
Gunter Demnig. TV-Foto: Julia Kalck