"Die Angst sitzt tief"

Der Saarburger Verbandsgemeinderat hat sich mit dem Fall der Roma-Familie beschäftigt, die nach Mazedonien abgeschoben wurde. Die Mitglieder erfuhren dabei Neues über das als sicher bezeichnete Herkunftsland.

Saarburg/Trier "Wie geht es der Familie?" will Siegfried Büdinger wissen. Es ist die letzte Frage, die ein Mitglied des Saarburger Verbandsgemeinderats an das Aktionsbündnis zur Unterstützung der Familie Memedov richtet. Norbert de Wolf antwortet: "Der Familie geht es schlecht. Sie hat kein Geld, traut sich nicht aus dem Haus, ist untergetaucht. Die Angst sitzt tief." Sechs Wochen ist es her, dass die in Saarburg gut integrierte Roma-Familie mit drei Kindern im Alter von sechs bis 13 Jahren mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und abgeschoben wurde (der TV berichtete). Der Fall hat Aufsehen erregt, auch weil der sechssprachige Familienvater Fatmir Memedov vielfach ehrenamtlich engagiert war. Er hat für Behörden gedolmetscht, als Flüchtlingsbegleiter gearbeitet und andere für diese Aufgabe ausgebildet.

Wie das Thema in den Rat kam Dass der Fall Thema im Rat ist, geht auf einen kurzfristigen Antrag der Grünen zurück. Bürgermeister Jürgen Dixius reagiert diplomatisch. Er erklärt: "Die Zuständigkeit in dieser Sache liegt bei der Ausländerbehörde", schlägt aber doch vor, das Thema direkt im Anschluss an die Sitzung zu behandeln. So könnten auch Redner, die dem Rat nicht angehörten, ohne Sitzungsunterbrechung zu Wort kommen. Die Grünen stimmen zu. Als es so weit ist, überlassen Bürgermeister und Beigeordnete ihre Plätze auf dem Podium der grünen Abgeordneten Stefanie Jacoby-Spengler und Norbert de Wolf sowie Markus Schmidt vom Unterstützerteam. Fast alle Ratsmitglieder bleiben.

Wie es zur Flucht kam Jacoby-Spengler berichtet, dass sie Fatmir Memedov vor zwei Jahren kennengelernt und ihn als sehr herzlich, offen und engagiert erlebt habe. Sie stellt die Geschichte der Familie detailliert dar. Diese beginnt damit, dass der Vater, ein Oberfeldwebel, im Mai 2013 vor den Augen seiner zehnjährigen Tochter von Polizeikräften verprügelt, gefesselt und inhaftiert wird. Ihm wird ein aus seiner Sicht falscher Vorwurf gemacht. Er kommt wieder frei, legt Beschwerde ein. Es folgen Schikane, Bedrohung, Übergriffe. Die Familie taucht unter. Er wird von Moscheemitgliedern, die ihn unterstützen, angesprochen, den Islamischen Staat zu unterstützen. Die Familie flieht, kommt im November 2014 in Trier an.

Wieso ein Soldat von der Polizei verprügelt wird Ein Ratsmitglied fragt: "Wieso wird ein Elitesoldat verprügelt?" Die Antwort de Wolfs, der Betroffene wisse das selbst nicht, ergänzt Schmidt mit einigen Erläuterungen. Er sagt: "Die politische Lage in Mazedonien ist instabil." Zeitweise sei von Reisen in Teile des Landes abgeraten worden. Die amtierende Regierung sei abgewählt, mache jedoch den Weg nicht für die gewählten albanischen Nachfolger frei. Roma hätten es in Mazedonien schon immer von allen Seiten auf den Buckel bekommen. Markus Schmidt spricht von "gelebtem Rassismus". De Wolf meint: "Fatmir Memedov steht dazu, dass er Roma ist. Viele andere in Mazedonien tun das nicht."
Was Ausbildung mit Bleiberecht zu tun hat Auf Nachfrage erläutert Schmidt die Arbeitssituation von Fatmir Memedov. Zwei Jahre lang hat der Rom in seinem Unternehmen, einer Personal und Service GmbH, demnach äußerst gute Arbeit geleistet. Nachdem sein Asylantrag und seine Klage dazu abgelehnt worden waren und er bei der Härtefallkommission nichts erreicht hatte, sollte er in Schmidts Firma eine vorgezogene Ausbildung absolvieren. Denn Azubis haben laut Aufenthaltsgesetz ein Recht auf eine Ausbildungsduldung. Schmidt sagt: "Die Industrie- und Handelskammer hat der Ausbildung zugestimmt. Die Kreisverwaltung hätte nur Ja zur Duldung sagen müssen, die wir am 5. Mai beantragt haben." Doch laut Akten, die der Anwalt erst am Montag habe einsehen können, sei ab da die Abschiebung vorbereitet worden. Schmidt betont: "Die Abschiebung ist nicht rechtens. Wir wollen, dass die die Familie zurück nach Deutschland kommt." Beim Oberverwaltungsgericht läuft laut Memedovs Anwalt ein Beschwerdeverfahren.
Wie der Rat reagiert Laut Jacoby-Spengler kann Memedov nach der Rückkehr jederzeit inhaftiert werden. Norbert de Wolf spricht von Angst um Leib und Leben. Er sagt: "Wir wollen sensibilisieren und hoffen auf Verständnis und Unterstützung." Die Ratsmitglieder antworten mit einhelligem Klopfen.Extra: EIN KONZERT FÜR DIE MEMEDOVS


Die Unterstützer der Memedovs haben ein Benefizkonzert organisiert, dessen Erlös der Familie, die dringend Geld braucht, zugutekommen soll. Der Termin: Freitag, 30. Juni, um 19.30 Uhr im kleinen Saal der Tufa in Trier. Auftreten werden die Musiker Groove Improve (featuring Anne Völpel), Christoph Radditz am Piano, Rebekka Lintz am Klavier sowie die Sängerin Sonja Pesie. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten.

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