Die dunklen Tiefen unter Wellen

Die Stollen der Trierer Kalk-, Dolomit- und Zementwerke (TKDZ) erstrecken sich über mehrere Quadratkilometer auf zwei Ebenen bei Wellen (Verbandsgemeinde Konz). Die österreichische Porr AG hat auf Anregung der Grünen-Landtagsabgeordneten Stephanie Nabinger Vertreter der Gemeinde und Bürger in das Bergwerk eingeladen. Der TV schildert die Eindrücke von unter Tage.

Wellen. Der Berg verschluckt den Kleinbus. Das Gittertor schließt sich automatisch. Nur noch ein kleiner Lichtstrahl dringt vom grellen Sonnenlicht in den Stollen hinein. Schon nach wenigen Metern ist es düster. Der Scheinwerferkegel ist unser letztes Licht im fünf Meter hohen Tunnel. Vereinzelt geben im Stollen angebrachte Lampen den Blick frei auf den plattgefahrenen Boden im Berg: braun, dreckig, staubig.Der Bus rumpelt an Nischen zwischen den fünf Meter hohen Stützpfeilern vorbei, folgt spitzen Kurven. Im Dunkeln blitzen die Helmleuchten und Reflektorjacken von Arbeitern auf - insgesamt sind es etwa 20 unter Tage.330 Kilometer unter Tage

Rote Pfeile weisen den Weg tiefer in den Berg. "Rot bedeutet Richtung Arbeit", erklärt Frank Wegner, Betriebsleiter der Trie-rer Kalk-, Dolomit- und Zementwerke. "Die gelben Pfeile zeigen den Weg Richtung Sonne." Sonne, die die Bergleute im Winter gar nicht zu sehen bekommen. Im Dunkeln fängt die Schicht an, und im Dunkeln hört sie auf - zwischendurch acht Stunden Düsternis unter Tage. Der Bus bleibt stehen - mitten im Berg auf den etwa 330 Wegkilometern, die hier verlaufen. Ein Summen dringt herüber. Mit Taschenlampen ausgestattet geht es zum Brecher. Das Gerät ist gerade außer Betrieb - zum Glück! Im Normalfall zertrümmert der Brecher mit Riesenlärm riesige Dolomitbrocken, wirft ihre Einzelteile auf ein Förderband, das zur Oberfläche führt. Jetzt ist der Geräuschpegel erträglich. Wegner, TKDZ-Geschäftsführer Rainer Adami von der Porr AG und Michael Hoffmann von der Firma Saarmontan, der der Porr-Gruppe mit seinem Fachwissen hilft, beantworten geduldig alle Fragen.Wenige Meter weiter stehen riesige Maschinen - ein Bohrer, der Sprengstoff in die Bohrlöcher blasen kann. Beim Gesteinsabbau gehen die Arbeiter nicht zimperlich vor. Ein blaues Schild mahnt Gehörschutz an. Tiefer im Berg wird es stickiger. Feiner Staub schwirrt durch die Luft, setzt sich auf den Schuhen ab, dringt in die Nase ein. Der Autofokus der Kamera funktioniert kaum noch, weil Partikel die Technik verwirren. Obwohl die Luft unter Tage besser als erwartet ist, bleibt der Staub hartnäckig. Es schmeckt nach feinem Sand, die Zunge wird taub, die Kehle trocken. Hoffmann erzählt der Gruppe, dass über dem Bus etwa dreißig Meter Gestein sind - ein beengendes Gefühl. Kein Ort für Klaustrophobiker, die Angst vor engen Räumen haben. Der Bus setzt sich wieder in Bewegung durch das unterirdische Labyrinth. Eine Wettertür, die die Belüftung unter Tage mitregelt, öffnet sich. Es geht tiefer hinein in den Berg. Gleich sind wir da - am Ort des Geschehens, wo 2011 der Stollen eingebrochen ist. Über uns ist eine Ackerfläche. Unter Tage gibt es wenig zu sehen: Berge von Staub und Sand. "Wenn wir jetzt 20 Meter weitergehen könnten, hätten wir vor dreieinhalb Monaten noch bis zur Oberfläche gucken können", sagt Hoffmann. Doch das Loch wurde mit tonnenweise Sand gestopft. Es gibt kein Tageslicht zu sehen. "So würde es später aussehen, wenn wir hier Abfall ablagern würden", kommentiert Adami, während er auf einen der Sandhaufen zeigt. Bis zu 400 000 Tonnen Abfall jährlich will die Porr AG einlagern - Bauschutt, Sande, Flugaschen. Das Unternehmen wolle die strengen deutschen Grenzwerte einhalten. Für sieben Millionen Tonnen sei im Bergwerk Platz. Wenige Meter weiter weicht das beklemmende Gefühl. Der Blick fällt auf einen Bereich, wo beide Ebenen des Bergwerks verschmelzen. Die Abbauhöhe war hier doppelt so hoch. Im Licht der Taschenlampen lassen sich die 24 Meter hohen Pfeiler ausmachen. Das Wort "Moria" fällt. Moria ist die Zwergenmine, in dem die Gefährten im ersten Band der Herr-der-Ringe-Trilogie von J.R.R. Tolkien von den Orks überfallen werden. Jener düster-geheimnisvolle Ort, an dem Gandalf, der gute Zauberer, stirbt. Damit in Wellen keiner unter Tage stirbt, hat die TKDZ-Geschäftsführung vorgesorgt. Sauerstoffausrüstungen sind im Bus. Für jeden gibt es zwei Stunden frische Atemluft. Die Patronen bleiben voll. Nachdem der Bus etwa 20 Minuten den gelben Pfeilen gefolgt ist, strahlt uns die Sonne entgegen. Ein Blinzeln, kurz warten, bis das Tor sich öffnet, und wir sind zurück auf dem Werkgelände. Der laue Frühlingstag begrüßt uns. Der Besuch in den dunklen Tiefen unter Wellen ist vorbei. Video unter volksfreund.de/video

Mehr von Volksfreund