Die Frau mit der kurzen Hose

Selbst bei lausiger Kälte trägt sie luftige Kleidung. Und sie sammelt Pfandflaschen. Das sind die beiden wichtigsten Gründe, warum Adelheid Grittmann in Saarburg so bekannt ist. Viele wissen, wer sie ist - doch die wenigsten kennen sie wirklich.

Saarburg. Für einige ist sie die Frau, die auch bei Minusgraden mit kurzer Hose und T-Shirt durch die Stadt läuft. Für andere ist sie die Frau, die Flaschen sammelt. Adelheid Grittmann steht vor dem Lidl-Markt in Saarburg. Der Wind weht Einkaufszettel über den Parkplatz. Nach dem starken Regen am Vormittag ist es kühl.
Kunden eilen vom Markt zum Auto. Sie tragen Jacken, einige einen Schal. Grittmann, die im November 50 Jahre alt wird, trägt eine kurze Hose, ein dünnes T-Shirt und eine olivengrüne Gürteltasche. Sie sucht nach weggeworfenen Flaschen, doch sie findet nur "Luxemburger Dreck", wie es ihr entfährt. Das sind pfandfreie Flaschen und Dosen aus dem Nachbarland.
Der Parkplatz ist die erste Station ihrer Runde. Auf dem Weg in die Innenstadt erzählt sie, Bekannte hätten ihr früher oft lange Hosen, Pullover und Jacken geschenkt. "Mittlerweile nehme ich das nicht mehr an", sagt sie, "mir ist ständig warm, deshalb ziehe ich die Sachen sowieso nicht an."
Konkurrenz ist schnell


Grund dafür, dass sie Kälte nicht spüren kann, sei eine Hautkrankheit, sagt sie. Freunde beschreiben sie als stur, manchmal müsse man ihr "auf die Sprünge helfen", etwa wenn mal Routineuntersuchungen beim Arzt anstünden.
Vor der Sparkasse geht sie leer aus. Nächste Stationen sind der Buttermarkt, der Busbahnhof und der Toom-Markt. Auch hier ist die Beute mager. "Da war die Konkurrenz schneller." Die Konkurrenz sind drei weitere Pfandsammler, die alle die Ersten sein wollen. Eine Mehrwegflasche bringt ihnen 15, eine Dose 25 Cent.
Grittmann ist gebürtige Duisburgerin und hat lange im saarländischen Beckingen gelebt. Auf den Hauptschulabschluss folgte die Berufsschule mit Schwerpunkt Hauswirtschaft. 2000 zog sie nach Saarburg, wo sie für eine Gebäudereinigungsfirma geputzt hat. Seit 2004 arbeitet sie stundenweise in der Jugendherberge, manchmal jeden Tag der Woche: Morgens reinigt sie die Zimmer, abends spült sie. Manchmal jeden Tag der Woche.
Etwas Luxus


Egal, welchen Beruf sie ausübte: Immer hat sie nebenbei Flaschen gesammelt, schon als junge Frau. Für sie ist es Sport. Zwei bis drei Mal täglich dreht Grittmann ihre Zwei-Stunden-Runde. Sie geht vor und nach der Arbeit, manchmal in den frühen Morgenstunden oder am späten Abend. Sie geht im strömenden Regen und bei Sommerhitze.
Narben an den Armen zeugen davon, dass Grittmann für eine Flasche auch ins Gestrüpp klettert. Mit dem Sammeln verdient sie sich ein "Taschengeld", wie sie sagt. Grittmann hat nicht das Gefühl, wegen ihres Hobbys geärgert zu werden. Abwertende Sprüche höre sie selten. "Die Dummen sind die, die ihr Geld in den Mülleimer werfen. Nicht ich, die es aufsammelt."
Immer samstags bringt sie die Flaschen zur Pfandstation, alle Einnahmen und Ausgaben schreibt sie akribisch auf. "Damit ich den Überblick behalte." Bekannte beschreiben sie als pflichtbewusst, freundlich und zuverlässig, Kontakt zu ihren Geschwistern hat sie nur unregelmäßig. Mit dem Taschengeld gönnt sie sich etwas Luxus. Das sind für sie drei Packungen Zigaretten am Tag. Luxus sei für sie aber auch ein gemütlicher Abend vor dem Fernseher in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung oder ein gutes Buch. Alkohol trinkt sie keinen.

Ausbeute ist mager


Es ist 16.30 Uhr, mittlerweile ist sie zwei Stunden unterwegs. Grittmann beendet ihre Runde an der Laurentius-Kirche mit acht gesammelten Flaschen. Nun ist es Zeit, zur Arbeit zu gehen. Auf dem Nachhauseweg, gegen 20 Uhr, wird sie wieder ihr Glück versuchen. Auch, wenn es dann noch etwas kühler ist. Und dunkel.

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