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Die Welt zu Hause an der Obermosel

Die Welt zu Hause an der Obermosel

Aus Schweden, Portugal, Italien oder natürlich Luxemburg: Dörfer entlang der Mosel wie Nittel und Wincheringen sind die Heimat vieler Ausländer geworden. Es sind vor allem Luxemburgpendler, die an der Obermosel mit ihren meist jungen Familien wohnen. So tragen sie auch dazu bei, die Dörfer am Leben zu erhalten.

Konz/Saarburg. Wenn man an Multikulti denkt, kommen einem gleich Metropolen wie Berlin oder London in den Sinn. An Wincheringen, Nittel oder Wellen denkt man eher weniger. Doch die Dörfer an der Obermosel sind zur Wahlheimat Tausender Ausländer geworden.
10,5 Prozent der Einwohner der Verbandsgemeinde (VG) Saarburg stammen aus einem anderen Land; in der VG Konz sind es 9,3 Prozent. Zahlreiche Nationen sind auf den Weinbergen vertreten: So leben zum Beispiel vier Finnen in Helfant, 14 Isländer in Wincheringen und neun Malteser in Nittel.
Besonders Wincheringen und Nittel werden von vielen Ausländern "auserwählt". "Viele junge Familie ziehen bei uns ein", sagt Leo Holbach, Ortsbürgermeister von Wincheringen. "Sobald ein Haus frei oder gebaut wird, wird es gleich verkauft."
Holbach freut sich darauf, dass der Zuzug vieler Familien auch Nachwuchs ins Dorf bringt. "Wir haben einen überproportionalen Anteil an Kindern, und wir sind stolz darauf", sagt er. Es gibt so viele Kinder im Ort, dass sogar eine neue Nebenstelle für den Kindergarten eröffnet wurde (der TV berichtete).
Kita als Beispiel für Integration


Ausgerechnet die Kita ist ein Beispiel dafür, wie Ausländer im Dorfleben total integriert sind: Die Kinder aus verschiedenen Nationalitäten wachsen zusammen auf, und der Kita-Planer selbst, Olaf Gudmundsson, ist Isländer und Wahl-Wincheringer. Auch Hans-Josef Wietor, Ortsbürgermeister von Nittel, kann das bestätigen: "Das ist etwas, was mir wirklich gut gefällt, in unseren Vereinen ist ein buntes Miteinander, das viel Bewegung und neue Ideen bringt."
Die neuen Nitteler haben auch schon die Gelegenheit gehabt, ihre Heimatländer bei verschiedenen Veranstaltungen vorzustellen. "Ziel dabei ist, dass man sich besser kennenlernt und austauscht", sagt Wietor.

Liebe auf den ersten Blick:
Als er seine Frau Birgit 1984 in Luxemburg kennenlernte, wusste François Rischard noch nicht, wo das kleine Dorf an der Obermosel überhaupt liegt. Wenn man den Luxemburger heute nach seiner Herkunft fragt, sagt er: "Ich bin Nitteler." Seit 22 Jahren wohnt er dort. Hier will er auch begraben werden.
Wenn Rischard von seiner ersten Begegnung mit Nittel erzählt, bekommt er Gänsehaut. "Es war ein Sonntagmorgen im Januar 1985. Den Tag vergesse ich nie", sagt Rischard. "Ich bin mit dem Auto aus Richtung Wellen gekommen, und als ich um die Kurve fuhr, habe ich den Reif in den Weinbergen gesehen und mich sofort in das Dorf verliebt."
Fünf Jahre hat es anschließend gedauert, bis er seine Frau überzeugen konnte, zurück in ihren Heimatort zu ziehen. 1990 hat er als erster Luxemburger in Nittel gebaut.
Heute ist Rischard, der als Industriemeister beim Stahlhersteller Arcelor Mittal täglich nach Differdingen pendelt, nicht mehr aus Nittel wegzudenken. "Ich bin eher ein Mann auf dem Platz als ein Sesselpupser", sagt er. Und so mischt er in Nittel im Kegel-, im Karneval- und im Theaterverein mit, schreibt für Letzteren die Stücke. Seit zweieinhalb Jahren ist Rischard auch politisch aktiv, sitzt für die SPD im Gemeinderat.
Dass Nittel mittlerweile einen Ausländeranteil von fast 22 Prozent aufweist, wundert Rischard zunächst. Er hat dafür aber eine simple Erklärung: "Von der Liebenswürdigkeit der Nitteler gegenüber Fremden können sich die Luxemburger - egal, aus welcher Ecke des Ländchens sie kommen - eine dicke Scheibe abschneiden." fas

Bella Italia, bella Wincheringen: Der Name verrät seine Herkunft nicht. Alexander Bauer kommt aus Salerno, Italien. Der 30-Jährige wohnt seit Ende Juni in Wincheringen. "Das Dorf ist hübsch, und die Leute sind sehr offen", sagt Bauer. Den Nachnamen verdankt er seinem französischen Vater. Als er auf die Welt kam, haben sich seine Eltern für einen internationalen Vornamen entschieden: Alexander. International ist auch das kleine Dorf auf dem Weinberg: In Wincheringen leben 458 Ausländer - mehr als 23 Prozent der Bevölkerung.
Chaos gegen Ruhe getauscht


Wie viele andere arbeitet Bauer am anderen Ufer der Mosel, in Luxemburg. Dort hat er seine Frau Emily kennengelernt. Sie ist Französin, aus Nancy. Als die beiden nach einem Haus für den Nachwuchs suchten, kam keine größere Stadt in Frage. "Meine Heimatstadt Salerno ist sehr chaotisch, wir wollten hier Ruhe", sagt er.
Die Neugier hat ihn zu seinem Traumhaus im edlen Multikulti- Viertel Auf Mont geführt. Er hatte eine Anzeige für ein Haus in Wincheringen gesehen. Auf dem Weg dahin bemerkte er aber das Schild "Auf Mont".
"Ich habe mir gedacht, gucken wir mal, was das ist", sagt der Italiener. "Die Gegend hat mir gleich gefallen, auch die Sicht, die man hier oben hat." Das andere Haus hat er nie gesehen.
Hier hat er sein Heim gebaut. "Ich mag das Konzept von Auf Mont", sagt er, "hier kann man sein Haus gestalten, wie man will."
Trotz des Liebesbekenntnisses zu Deutschland und Wincheringen ist Italien für ihn keine blasse Erinnerung. "Nostalgisch bin ich ja immer", gibt der Manager zu. Der Aperitivo, seine Familie, das Meer: Deswegen pflegt er zahlreiche viele Freundschaften.
"Wir treffen uns immer, um Fußball zusammen zu schauen. Ich bin für Salernitana, die Mannschaft meiner Stadt", sagt er, "im Auto habe ich immer den Fanschal dabei." Die Heimatstadt ist auch immer in seiner Tasche: An seinem Smartphone klebt ein Ansicht-Sticker der Stadt.
"Eine Rückkehr nach Italien ist immer in meinen Träumen, doch wird sie wohl dort auch bleiben", sagt Bauer. Vor allem wegen der Arbeitslage in Italien. "Dort hätte ich nie die Chance gehabt, so schnell Karriere zu machen wie hier." bc