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Die Wiederentdeckung jüdischer Stadtgeschichte

Die Wiederentdeckung jüdischer Stadtgeschichte

SAARBURG. Damit der jüdische Friedhof im Saarburger Stadtteil Niederleuken nicht in Vergessenheit gerät, haben Simon Godart und seine Freunde vom Saarburger Jugendtreff sich einiges einfallen lassen.

In Zukunft soll der unterhalb der Straße "Erdenbach" gelegene Friedhof zum Denkmal werden - der erste Schritt ist dazu ist getan: Historiker Günter Heidt brachte die Geschichte der Juden in Saarburg in zwei Führungen zum Thema "Stätten der Erinnerung" ins Bewusstsein der Menschen zurück. Lange war der jüdische Friedhof mit seinen 15 intakten und zahlreichen zerstörten Grabsteinen dem Vergessen anheim gefallen. Unterhalb der Straße "Erdenbach" im Hang gelegen, ist der Friedhof von großen Bäumen überwachsen. Auch das rostige Eisentor vermittelt den Eindruck, dass hier lange niemand ein und aus gegangen ist. Den Friedhof und die Intention der Saarburger Jugendlichen ins Bewusstsein zu bringen war Ziel zweier Stadtführungen. Grabsteine sollen wieder würdigen Platz einnehmen

Der am Saarburger Gymnasium als Historiker arbeitende Studiendirektor Günter Heidt war für die Aufgabe prädestiniert: Im Januar wurde ihm im Berliner Abgeordnetenhaus der "Obermayer German Jewish History Award" für geschichtliche Forschungsleistungen des deutsch-jüdischen Zusammenlebens überreicht. So ist es auch wenig verwunderlich, dass die Führung mit rund 40 Teilnehmern aus Saarburg und Umgebung gut besucht war. In der ersten Führung unter dem Motto "Juden in Saarburg - jüdische Zeugnisse" besuchten Heidt und die engagierten Jugendlichen Johannes Türstig, Simon Godart, Mike Hemmer, Jan Konz und Anna Erhard den jüdischen Friedhof. "Die erste schriftliche Quelle geht auf das Jahr 1804 zurück, wir gehen aber davon aus, dass der Friedhof wesentlich älter ist", sagte Heidt, "vermutlich ist er nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs entstanden." Auf rund 2000 Quadratmetern finden sich neben 15 erhaltenen Grabsteinen unzählige Bruchstücke. "Wir gehen davon aus, dass der Friedhof im Dritten Reich geschändet worden ist und daher viele Steine zerstört wurden", sagte Heidt. Mit manchen Bruchstücken wurde eine Stützmauer errichtet, andere liegen in einer Böschung verstreut. Das wollen die Jugendlichen ändern: "Am 21. Oktober holen wir die zerbrochenen Grabsteine aus der Böschung und bringen sie an einen würdigen Platz auf dem Gelände", verkündete der 23-jährige Johannes Türstig. Danach solle die Stadt Saarburg den Eingangsbereich erneuern und mit Informationstafeln auf die Gedenkstätte hinweisen. Pläne für ein Denkmal habe es zwar schon in den 1950er-Jahren gegeben, doch damals fehlte das Geld. "Uns hat vor allem befremdet, dass das unweit von hier befindliche Kriegerdenkmal in einem solch guten Zustand ist, während sich niemand um den Friedhof kümmert", sagte Türstig. Kriegerdenkmal als Kontrastprogramm

Deshalb war das Kriegerdenkmal mit der Inschrift "Das Blut der Gefallenen werde der Same zu neuen Helden" zweite Station der Führung. Auch der Entstehungskontext des Denkmals ist nicht minder interessant: "Pläne für ein Gefallenen-Denkmal gab es schon nach dem Ersten Weltkrieg, aber durch die französische Besatzung war das nicht möglich. Erst mit den ersten nationalistischen Tendenzen nach der Reichstagswahl 1930 wurde das Denkmal errichtet", erklärte Heidt. Nach einer Mittagspause im Saarburger Jugendtreff ging es am Nachmittag zur zweiten Führung unter der Leitung des Historikers. Unter dem Motto "Nationalsozialismus in Saarburg" besuchten die Interessierten das Saarburger Gefängnis, die ehemalige Synagoge nahe der Verbandsgemeindeverwaltung, den Butter- und den Fischmarkt - allesamt geschichtsträchtige Orte in Saarburg während der Diktatur der Nationalsozialisten. "Denkmal ist nicht gleich Denkmal", gab Heidt den Besuchern mit auf den Weg, "es kommt immer darauf an, was man daraus macht."