Die Zukunft in den Köpfen

Läuft da eine Art Olympiade ab? Sollen Kinder im Schnelllesen konkurrieren, als wären es Wettlaufen, Kugelstoßen oder vielleicht Kirschkern-Weitspucken? Der Titel "Vorlesewettbewerb" lässt ja vermuten, dass hier eine Ausscheidung stattfindet, die mehr einer Sportart gleicht als echter Bildung.

Und tatsächlich: Bei aller Sympathie für die Gewinner - niemand sollte den Wert der Ergebnisse überschätzen. Trotzdem hat der Vorlesewettbewerb Sinn. Nicht nur, weil Bibliotheken mit ihrem Angebot stärker ins Bewusstsein der Kinder, der Jugendlichen und auch der Öffentlichkeit rücken. Auch nicht nur, weil Vorlesen bedeutet, eine bestimmte Kultur im Umgang mit Geschriebenem zu pflegen. Der Vorlesewettbewerb ist mehr. Leser sind in der Regel einsam. Früher wurden der Lektüre darum ähnlich verderbliche Folgen zugeschrieben wie heute dem Fernsehen - Eintauchen in eine Welt der Illusion, Vereinzelung, Sich-Abkoppeln von den wirklich wichtigen Dingen der Welt, Vernachlässigung praktischer, handwerklicher Fähigkeiten. Das ist zwar nur die halbe Wahrheit, aber nach wie vor nicht falsch. Ein öffentlicher Wettbewerb kann dazu ein wichtiges Korrektiv sein. Da stehen junge Menschen mit ihren unterschiedlichen Lesefähigkeiten vor einem Publikum, agieren wie auf einer Bühne, stellen sich den neugierig-kritischen Blicken der Juroren, der Lehrer, der Mitschüler und wohl auch der Besucher. Das macht den Vorlesewettbewerb so wertvoll. Er stellt das Lesen, das an sich Privatsache ist, in die Öffentlichkeit. Er kann junge Menschen, die sich in ihre Lektüre vergraben wollen, aus ihrer Isolierung holen. Und fördert damit gleich mehrere Fähigkeiten: zu lesen, zu lernen und darüber sich auszutauschen. All das wird in der Gesellschaft von morgen immer wichtiger werden. Die Zukunft steckt in den Köpfen. m.moeller@volksfreund.de