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Gesellschaft
Mehr Geld und bessere Bedingungen gefragt

 Der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach referiert im Hermeskeiler Johanneshaus über Herausforderungen in der Pflege und mögliche Lösungen.
Der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach referiert im Hermeskeiler Johanneshaus über Herausforderungen in der Pflege und mögliche Lösungen. FOTO: Trierischer Volksfreund / Christa Weber
Hermeskeil. Wie muss sich der ländliche Raum für die steigenden Herausforderungen in der Pflege wappnen? Und wo kann die Politik unterstützen? Darüber haben sich Betroffene mit Fachleuten wie Karl Lauterbach (SPD) in Hermeskeil ausgetauscht. Von Christa Weber
Christa Weber

Gibt es ihn tatsächlich schon, den Pflegenotstand? Wie können die Pflegeberufe attraktiver werden? Und wie lässt sich Pflege in Zukunft noch stemmen? Um darüber mit Experten zu diskutieren, sind etwa 70 Besucher ins Hermeskeiler Johanneshaus gekommen. Eingeladen hatten die SPD Arbeitsgemeinschaft in der Verbandsgemeinde Hermeskeil und der Landtagsabgeordnete Lothar Rommelfanger.

Den Einstieg ins Thema gestaltet Prof. Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte und stellvertretender Chef der SPD-Bundestagsfraktion. Er schildert, welche Probleme auf Pflegende und deren Patienten – speziell auf dem Land – zukommen werden.

Nach den Worten von Lauterbach ist von den nach 1945 geborenen Babyboomern, die jetzt ins Rentenalter eintreten, ein Drittel bereits chronisch krank. „Wir können damit rechnen, dass bald die meisten Über-65-Jährigen zwei chronische Erkrankungen haben werden.“ Dabei gingen die Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück, Fälle von Krebs und Demenz nähmen dagegen zu. Und diese seien nach jetzigem Forschungsstand schwieriger zu behandeln und kaum durch Vorbeugen zu verhindern. Die Zahl der Pflegebedürftigen werde von 3,5 auf 4,5 Millionen steigen.

Die Folgen: Die akute Behandlung erfolge verstärkt in Zentren in Ballungsräumen. Für die Nachbehandlung auf dem Land müsse die Medizin digitaler werden, prognostiziert Lauterbach. Etwa mit Hilfe einer elektronischen Gesundheitsakte, die der Patient freigebe und damit jedem Arzt Einblick in seine Befunde und somit eine bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit ermögliche. Eine weitere Konsequenz der steigenden chronischen Krankheitsfälle sei: „Wir werden in allen Pflegebereichen deutlich mehr Personal brauchen.“

Die große Koalition in Berlin habe reagiert. Seit dem 1. Januar 2019 sei das neue Pflegepersonal-Stärkungsgesetz in Kraft. Mit Hilfe eines Sofortprogramms würden 13 000 neue Stellen in der stationären Altenpflege geschaffen. In Krankenhäusern werde künftig jede zusätzliche Pflegekraft „zu 100 Prozent durch die Krankenkassen refinanziert“. Dadurch schwinde der Anreiz, Kosten zulasten der Pflege einzusparen,sagt Lauterbach.

In die Diskussion mit dem Publikum schalten sich weitere Fachleute ein: Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, Jörg Sponholz, Mitglied bei Verdi und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender im Kreiskrankenhaus Saarburg, und Regine Paulus, Referentin für Altenhilfe und ambulante Pflege im Paritätischen Wohlfahrtsverband Rheinland-Pfalz/Saarland. Die Moderation übernimmt der Hermeskeiler Christian Kruchten.

Eine junge Frau beklagt, dass mehr Personal zwar gut und schön sei: „Aber wir rackern uns mit zwei Leuten im Nachtdienst ab.“ Deshalb müsse auch der Pflegeschlüssel, also das Verhältnis zwischen Pflegekraft und Bewohnern, dringend geändert werden. Altenhilfe-Referentin Paulus verweist auf eine Studie, bei der Pflegekräfte selbst ermittelt hätten, wie viel Zeit sie für ihre Arbeit verwendeten und wie viel sie bräuchten, „um den Job noch besser zu machen“. Diese Ergebnisse seien eine wichtige Basis, um die Politik auf die Lücke zwischen Soll und Ist aufmerksam zu machen. Karl Lauterbach kündigt an, dass schon im nächsten Jahr neue Pflegeschlüssel gelten könnten.

Eine Zuhörerin kritisiert, dass damit das Problem der fehlenden Fachkräfte nicht gelöst sei: „Wir kriegen ja schon unsere Planstellen nicht mehr besetzt.“ Giselind Roßmann, Mitveranstalterin der Diskussion, verweist darauf, dass im Raum Hermeskeil die Gesundheitsbranche einer der wichtigsten Arbeitgeber sei. Die Arbeitnehmer seien allerdings zu einem hohen Anteil in Teilzeit und 450-Euro-Jobs beschäftigt. Und in Luxemburg locke die bessere Bezahlung.

Landespflegekammer-Chef Markus Mai betont: „Das Ziel muss sein, dass eine Vollzeit-Pflegefachkraft 4000 Euro brutto im Monat verdient.“ Dieses wichtige Signal brauche man, um die Berufe attraktiver zu machen und die aktuelle Belastung zu senken. Entsprechende Verhandlungen scheiterten jedoch oft noch am Widerstand der Arbeitgeber.

Aus dem Publikum kontern Vertreter örtlicher Pflegeeinrichtungen, dass das System auch für die Arbeitgeber „noch rentabel bleiben“ müsse. Eine Zuhörerin klagt, die Ansprüche an Qualität und bürokratische Aufgaben seien so stark gewachsen, dass dies kaum noch zu bewältigen sei. Regine Paulus sagt: „Es geht nicht allein ums Geld. Wir müssen auch über die Arbeitsbedingungen reden.“ Verdi-Vertreter Jörg Sponholz sieht ein Problem darin, dass die Pflegekräfte ihre Überbelastung in den vergangenen Jahren „zu wenig öffentlich gemacht hätten“. Zu wenige seien gewerkschaftlich organisiert, um den notwendigen „Druck“ aufzubauen. Ein Besucher stellt fest: „Es fehlt bislang auch am Willen der Politik, hier einzugreifen.“ Moderator Kruchten zieht als Fazit: „Es geht um eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die uns alle betrifft und an der wir gemeinsam arbeiten müssen.“

Der Vortrag von Karl Lauterbach wird demnächst auf der Internetseite von Lothar Rommelfanger digital abrufbar sein.

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Logo_Kommunalwahl_2019 FOTO: TV / Lambrecht, Jana