Ein dunkles Kapitel hinter Aktenbergen

SAARBURG. Saarburger, kennt ihr eure Einrichtungen und Anlaufstellen in der Stadt? In einer kleinen Serie hat der TV bereits Institutionen wie das Kreiskrankenhaus, die Polizeiinspektion, die Verbandsgemeindeverwaltung oder das Amtsgericht vorgestellt. Heute im Porträt: das Amt für Wiedergutmachung.

 Ein riesiges Archiv gehört zum Amt für Wiedergutmachung, in dem sich (von links) der stellvertretende Amtsleiter Erwin Daum, Leiter Jürgen Pauly und Verwaltungsleiter Manfred Turbing umsehen. TV-Foto: Susanne Windfuhr

Ein riesiges Archiv gehört zum Amt für Wiedergutmachung, in dem sich (von links) der stellvertretende Amtsleiter Erwin Daum, Leiter Jürgen Pauly und Verwaltungsleiter Manfred Turbing umsehen. TV-Foto: Susanne Windfuhr

Was an den Schreibtischen in den Büros von Finanzämtern, Jugendämtern oder Ordnungsämtern bearbeitet wird, darüber haben die meisten wohl zumindest eine ungefähre Vorstellung. Anders dürfte das beim Amt für Wiedergutmachung aussehen - allein der Name hat in der Vergangenheit schon einige Male für fragende Gesichter gesorgt, berichtet Jürgen Pauly, Leiter des Amtes für Wiedergutmachung in Saarburg. "Vor unserem Eingang ist mal eine Touristengruppe aus den Niederlanden stehen geblieben und hat darüber gerätselt, was sich hinter der Bezeichnung verbirgt. Schließlich hat einer aus der Gruppe an der Tür geklingelt und sich bei einem unserer Mitarbeiter erkundigt." Pauly erlebe häufig, dass die Menschen weder mit dem Namen noch mit der Aufgabe der Behörde etwas anfangen können. Die rührt aus einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte, das bis in die Gegenwart hineinreicht. Die 40 Mitarbeiter der Behörde in Saarburg befassen sich mit den Ansprüchen ehemaliger NS-Verfolgter nach dem "Bundesentschädigungsgesetz" von 1956. "Auf Alliiertenebene hat man innerhalb der Besatzungszonen gleich nach dem Krieg damit begonnen, die Opfer des NS-Regimes materiell zu unterstützen", erläutert Pauly. Später hätten landesrechtliche, dann bundeseinheitliche Entschädigungsregeln gegriffen. 1965 kam mit dem so genannten Schlussgesetz zum Bundesentschädigungsgesetz eine weitgehende Novelle der Ursprungsfassung von 1956. Antragsflut zu Beginn der 60er-Jahre

Anfang bis Mitte der 60er-Jahre sind nach Auskunft Paulys die meisten Anträge gestellt worden. Überwiegend jüdische Verfolgte, darüber hinaus Sinti und Roma und weitere politisch oder wegen ihrer Gesinnung Verfolgte, machten den Kreis der Antragsteller aus. Damals seien vorwiegend Entschädigungen "für den Schaden am Leben", das heißt Hinterbliebenen-Renten für Witwen und Kinder, sowie Entschädigungen für den Freiheitsentzug, den "Schaden an Freiheit", beantragt worden. "Die Definition Schaden an Freiheit bedeutete bereits die Verpflichtung, den gelben Judenstern zu tragen", sagt Pauly. "Inzwischen verwalten wir die laufenden Rentenfälle und prüfen Anpassungen wegen verfolgungsbedingter Gesundheitsschäden." Dabei haben es Pauly und seine Kollegen freilich nicht mit Publikumsverkehr zu tun. Mehr als 18 100 Rentenfälle bearbeiten die Saarburger derzeit - verteilt auf 38 Länder weltweit. Der Großteil der Antragsteller (8629) lebt in Israel, mehr als 6000 in den USA, mehr als 1200 in Kanada. "Wir kommunizieren per Brief, beziehungsweise per Mail", beschreibt der Amtsleiter. Amtssprache ist Deutsch, allerdings werde einiges ins Englische beziehungsweise in die Landessprache übersetzt. Kontakt per Brief, Mail und Telefon

"Dabei arbeiten wir mit den jeweiligen Botschaften und Generalkonsulaten zusammen." Immer mal wieder habe er telefonischen Kontakt mit dem einen oder anderen Antragsteller. "Das sind stets sehr lange Telefonate, in denen uns die Menschen häufig ihre ganze Leidensgeschichte erzählen." Die besondere Thematik bekämen die beim Amt Beschäftigten immer wieder zu spüren: "Bei den Menschen, für die wir versuchen, ihnen zu geben, was ihnen zusteht, ernten wir von Dankbarkeit bis zu einzelnen bitterbösen Beschimpfungen alles. Im unmittelbaren Umfeld muss man häufig erklären, warum Deutschland heute noch zu dieser Vereinbarung steht und diese Leistungen zahlt."