Ein letztes Lächeln

REINSFELD. Es ist ein Abschied für immer: Am Sonntag endet für 32 Kinder aus Weißrussland ihre dreiwöchige Ferienfreizeit im Hochwald. Doch eine Rückkehr wird es nicht geben. Denn Ende 2006 wird sich die vor 13 Jahren gegründete "Tschernobyl Kinderhilfe Reinsfeld" auflösen. Der TV sprach mit den Vereinsverantwortlichen über die Gründe für diese Entscheidung.

"Sicher, es ist viel Wehmut dabei, und uns ist dieser Entschluss nicht leicht gefallen. Aber er ist über eine lange Zeit gereift, weil das Gefühl immer stärker wurde, dass es irgendwann keinen Zweck mehr hat." Insgesamt 13 Jahre lang haben die Vorsitzende Ulla Dupont aus Reinsfeld, Christiane Rump aus Kasel und viele andere Mitstreiter ihr Herzblut in eine besondere Mission gesteckt.Viele Kinder sind gestorben

Sie haben Kindern aus der weißrussischen Stadt Brest, die an den Spätfolgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 leiden, jeden Sommer einen dreiwöchigen Aufenthalt bei Gastfamilien im Hochwald ermöglicht. Die strahlengeschädigten Mädchen und Jungen konnten dort gesunde Luft tanken, vitaminreiche Kost zu sich nehmen und sich erholen. Dazu kam ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm, dass sie Land und Leute kennen lernen ließ. Zwar gibt es viele Ferienkinder, die inzwischen an ihren schweren Erkrankungen gestorben sind. Doch Christiane Rump will vor allem die schönen Seiten in Erinnerung behalten. "Man hat die Kinder oft jahrelang begleitet, gesehen, welche Fortschritte sie gemacht haben und wie sie gestärkt und hoffnungsfroh wieder nach Hause gefahren sind." Das beste Beispiel dafür ist derzeit gerade bei ihr zu Besuch. Pawel Kowaltschuk kommt seit 1998 zu den Rumps. Er hatte schon als Kind schwarzen Hautkrebs, und als er das erste Mal in den Hochwald kam, habe es geheißen, "der schafft das auf keinen Fall", sagt Rump. "Aber er lebt immer noch", sagt die Frau aus Kasel fast trotzig. Das lag maßgeblich daran, dass etliche Ärzte ihn - ebenso wie andere strahlengeschädigte Gastkinder - kostenlos behandelten. "Überhaupt", fügt Dupont hinzu, "haben wir unheimlich viel Unterstützung und Hilfsbereitschaft erfahren." Doch der Verein erlitt auch Rückschläge und erlebte die Schattenseiten seines Engagements, die länger und länger wurden und letztendlich zur bevorstehenden Auflösung führten. Dabei ist es in erster Linie die Politik, die "die Arbeit des Vereins massiv behindert, wenn nicht sogar zunichte macht", betont Rump. Das liegt vor allem an Alexander Lukaschenko, dem "letzten Diktator Europas". Der weißrussische Präsident will seine Landeskinder vor dem "westlichen Konsumterror" schützen und schikaniert ausländische Hilfe, wo es nur geht. Deshalb rollte 2005 auch kein 40-Tonner mehr mit Paketen von Reinsfeld nach Brest. Denn die ursprünglich für Weihnachten gedachte Lieferung von Lebensmitteln, Kleidung oder Spielzeug hatte der Zoll zuvor Jahr für Jahr länger liegen lassen. "Beim letzten Mal wurden die Pakete teilweise erst im Mai ausgeliefert", berichtet Rump. Immer größer wurde auch die Unsicherheit, ob die weißrussischen Kinder überhaupt ihre Visa für den Sommeraufenthalt in Deutschland erhalten würden. "Man plant fast ein Jahr. Doch ob die Kinder wirklich kommen, weiß man erst, wenn der Bus einfährt. Das ist fürchterlich nervenaufreibend", betont Rump. Aussicht auf Besserung besteht nicht. Im Gegenteil: "Es wird immer schlimmer", klagt Dupont über die weiter zunehmende Behörden-Willkür des Lukaschenko-Regimes, das vor allem kranken Kindern noch mehr Steine für die Ausreise in den Weg legen will. "Das, wofür wir angetreten sind, nämlich strahlengeschädigten Kindern zu helfen, ist in Zukunft wahrscheinlich gar nicht mehr möglich", wirft Dupont einen bangen und düsteren Blick auf den politischen Kurs, der in Minsk eingeschlagen wurde.Schwierige Suche nach Gasteltern

Nicht verhehlen wollen die Verantwortlichen, dass die Vereinsauflösung auch mit Problemen in Deutschland zu tun hat. Denn 20 Jahre nach dem Reaktorunglück und 13 Jahre nach dem euphorischen Anfang der Initiative sei es heute nicht mehr so leicht, den Blick der Öffentlichkeit auf die Leiden der Kinder zu lenken, die an den Spätfolgen des Super-Gaus in Tschernobyl leiden. Deshalb wird auch in Reinsfeld und Umgebung die Suche nach neuen Gasteltern immer schwieriger. "Dieses Jahr ist beispielsweise nur eine Familie hinzugekommen", sagt Rump. Hinzu kommt, dass bei vielen Vereinsmitgliedern, die seit Jahren dabei sind, mit den eigenen Kindern auch die kleinen Gäste aus dem Osten mehr und mehr aus dem Besuchsalter herausgewachsen sind. So ist es auch bei Ulla Dupont, die dieser Situation auch etwas Positives abgewinnen kann. "Dass unsere Gastkinder mittlerweile schon groß sind, macht mir den Abschied etwas leichter. Ich bin jedenfalls froh, dass wir sie in diesem Jahr noch einmal sehen konnten."

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