Ein Ohr voll Musik

SAARURG. Mit einem Konzert, dessen Verlauf niemand vorhersagen konnte, und das in dieser Form nicht wiederholbar ist, faszinierte Wolfgang Seifen sein Publikum in der Saarburger Pfarrkirche St. Laurentius. Am Ende stand eine musikalische Charakterisierung der heimischen Rebsorten.

Es ist die höchste Kunst des Orgelspiels, die Improvisation, das Stegreifspiel. Das Notenpult an einem Spieltisch ist für einen Improvisator eine überflüssige Einrichtung. Seine Noten sind nirgendwo aufgeschrieben, sie entstehen in seinem Kopf. Seit jeher genossen Organisten, die diese Art des Spiels beherrschen, ganz besondere Hochachtung. Wolfgang Seifen, Professor für Improvisation an der Universität in Berlin und Titularorganist der dortigen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, ist einer der bekanntesten Improvisatoren, den der deutsche Sprachraum derzeit kennt. Wenn Seifen sich irgendwo zu einem Konzert ankündigt, kann man sicher sein, etwas Besonderes zu erleben.Bilder in den Kirchenraum gemalt

Davon durfte auch die große Anzahl der Zuhörer in der Saarburger Pfarrkirche St. Laurentius ausgehen, die Seifen an der Weimbsorgel erleben wollten. In Kooperation mit den Mosel Festwochen hatte die Pfarrei Seifen eingeladen. Die Programmvorlage teilte sich in drei Gruppen, von denen die mittlere, drei Choralbearbeitungen, zum täglichen Brot eines Organisten gehörte. Trotzdem war es faszinierend, wie stringent Seifen die Stilvorgaben bei den Chorälen "Wie schön leucht' uns der Morgenstern" (als Trio mit Melodieführung im Alt), "Sagt an, wer ist doch diese?" (vierstimmig mit dem cantus firmus im Tenor) oder "Frohe Jubellieder" im Pleno mit zungenbetonter Melodie im Pedal die Ankündigungen des Programms umsetzte. Schon der Auftakt des Konzerts begeisterte. Angekündigt war eine "Sinfonische Fantasie und Fuge" im deutsch-romantischen Stil. Als Seifen nach etwas mehr als einer halben Stunde endete, hatten sich Stilelemente Julius Reubkes, Max Regers und Sigfrid Karg-Elerts oder Franz Liszts von der Orgelbühne ergossen. In unglaublicher Dichte malte Seifen fantastische Bilder in den Kirchenraum, zauberte Klänge aus dem Instrument hervor, die man nie erwartet hätte. Seine überragendes technisches Können krönte die konsequent durchimprovisierte Fuge, die er auch im Pedal mit nahezu halsbrecherischem Tempo beherrschte. Wer Seifen kennt, weiß, dass er eine Vorliebe für die französische Symphonik hat. Entsprechend erklang als dritter Teil eine "Symphonie pour grande orgue" im freien Stil, bei der all die großen Meister wie Charles Marie Widor und Louis Vierne Pate standen. Besonders reizvoll war es, dass Seifen mit den einzelnen Sätzen die Rebsorten von Mosel-Saar-Ruwer charakterisieren wollte. Als Entree gab es einen Spätburgunder, der vollmundig, feurig und fruchtbetont das große Werk eröffnete. Die immer sehr kultivierte Klanggewalt ließ etliche Zweifel daran aufkommen, ob die Orgel wirklich nur über 27 Register verfügt. Lieblich melodiös zeichnete Seifen den Müller-Thurgau, romantisch-transzendent den Kerner. Dem Elbling widmete er ein übermütiges, teilweise sehr freches Scherzo. Als Finale gab es eine vollmundige, virtuose Hommage an den Riesling. Ist der Ausspruch "ein' Maul voll Wein" ein besonderes Kompliment für einen guten Tropfen, konnte man hier nur sagen: "ein Ohr voll Musik".