Ein Paar, das doch keines ist

Wer in Neuhütten lebt und mit Fastnacht nichts am Hut hat, sollte am Morgen vor der Prunksitzung auf der Hut sein. In dem Dorf hat ein ungewöhnlicher Karnevalsbrauch Tradition.

Neuhütten. Daniel Großmann und Rebecca Pecnik haben Glück gehabt. Das noch bis zur Prunksitzung amtierende Neuhüttener Prinzenpaar harmonierte auf Anhieb gut. Und das ist längst nicht selbstverständlich für die närrischen Hoheiten des Dorfs, die sich der Vorstand des Karnevalsvereins Kultur- und Karneval-Initiative (Kuki) jährlich ausschaut. Denn in Neuhütten gibt es nicht nur den seltsamen Brauch (siehe Extra), dass sich Prinz und Prinzessin nicht freiwillig um das Amt bewerben. Bis zur abendlichen Sitzung sind sich die beiden Kandidaten oft auch relativ unbekannt."Wir haben uns vorher kaum gekannt - aber das war schon in Ordnung", erzählt Noch-Prinz Daniel schmunzelnd. Prinzessin Rebecca setzt noch eins drauf: "Ich war sehr zufrieden - er ist ein toller Prinz. Wir haben sogar zusammen getanzt." Für das närrische Paar war ihre Kür die Gelegenheit, Leute im Ort kennenzulernen. Denn beide sind zugezogen. Großmann stammt aus Geisfeld, Pecnik aus Pforzheim, von wo aus sie über Österreich und Saarbrücken zielstrebig nach Neuhütten fand.Nominiert als Prinzenpaar hatte sie der Kuki-Vorstand. Und das nach bewährter Tradition abends vor der Prunksitzung. Bei der Generalprobe werden dann Vorschläge gemacht. Das Hauptkriterium ist laut Vereinsvorsitzendem Johannes Marx, dass die Ausgeschauten "das machen könnten und auch einigermaßen zusammen passen". Von den vorgeschlagenen möglichen Kandidaten werden letztlich fünf Männer und fünf Frauen formell gewählt - nach fast schon wieder närrisch fixem Reglement: Der Elferrat wählt - natürlich geheim -, der Vorstand zählt die Stimmen aus. Letztlich wissen daher nur die Vorstandskollegen, wer die Auserkorenen sind, bei denen sie am Samstagmorgen gegen 10 Uhr an der Haustür klingeln. Und das laut Marx natürlich "in der Hoffnung, dass die auch Ja sagen", was bisher immer irgendwie funktionierte. Spannend macht das Verfahren, dass die Kandidaten beim Ja-Sagen oft noch gar nicht wissen, wer denn ihr Partner sein wird. "Da kommen auch schon mal Leute zusammen, die sich sonst das ganze Jahr über nichts zu sagen haben", räumt er ein. Sich mit dem Hinweis auf das Fehlen der passenden Kleidung aus der Affäre ziehen zu wollen, hat wenig Sinn. Denn den Frauen kann die Kuki zwei Kleider in verschiedenen Größen zur Verfügung stellen, dem Prinzen einen Umhang, und die Krone liegt immer parat. ursWer in diesem Jahr gekürt wird, wird bei der Prunksitzung am Samstag, 15. Februar, 20.11 Uhr, zu sehen sein. Eine Woche später ist Kinderfastnacht angesagt: am Samstag, 22. Februar, 15.11 Uhr.Mehr zur Fastnacht gibt es im Internet untervolksfreunde/karnevalExtra

Vor exakt einem Vierteljahrhundert beschritten närrisch Begeisterte in Neuhütten neue Wege. Kurz vor Eröffnung des Bürgerhauses trafen sie sich 1989 mit Vertretern ortsansässiger Vereine, um die Dorffastnacht auf andere Beine zu stellen. Zuvor hatten Männergesangverein und Musikverein zu Familienabenden mit traditioneller Schwarz-Weißer-Nacht eingeladen. Nun entwickelten sie mit Fastnachtern und Engagierten des Kegelvereins KSC, der Feuerwehr und der Eurokickers ein Konzept für die "Heddema Fasend", die "Hüttener" Fastnacht. 1990 starteten sie durch. Mit Kappensitzung, Weiberfastnacht, Maskenball, Kinderfastnacht und einer neuen närrischen Idee. "Wenn die Tollitäten der anderen schon ihrem Ende entgegen schwanken, sollte das Heddema Prinzenpaar in neuem Glanz erstrahlen", erinnert sich Vorsitzender Marx. Außerdem setzten sie auf Comedy, Kabarett, Show- und Tanzeinlagen statt "Humba-Humba-Tä-Tä-rä und die typischen Büttenreden". Seit 2002 ist Kuki ein eingetragener Verein mit heute etwa 90 Mitgliedern im 850-Einwohner-Ort sowie drei Garden und sportlichen Männer, die nicht als Männerballett auftreten. urs

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