Ein Sturm fegt durch den Raum

SCHWEICH. Zum vierten Mal gastierte der Pianist Menachem Har-Zahav in der Schweicher Synagoge. Mit einem Konzert, das ganz dem Schaffen Frédéric Chopins gewidmet war, verstand er es, sein Publikum gefangen zu nehmen.

Konzertpianisten gibt es viele, sehr viele sogar. Wer in dieser Kunstrichtung etwas werden will, braucht einen langen Atem und einen großen Glauben an sich und sein Können. Menachem Har-Zahav, ehemals in der Region unter dem Namen Phoenix bekannt, hat offensichtlich beides. Schon zum vierten Mal gastierte er in der Schweicher Synagoge und erinnert sich an seinen ersten Abend dort, an dem er vor sieben Zuhörern spielte. Diese Zeiten sind offensichtlich vorbei, der steinigste Teil des Weges scheint bewältigt. Wenn auch nicht ausverkauft, so war das ehemalige Gotteshaus doch sehr gut besucht, als Har-Zahav, mit Frack und Kippa bekleidet, die Bühne betrat. Ganz dem Schaffen des großen Meisters Frédéric Chopin hatte Har-Zahav seinen Abend gewidmet, jenem Komponisten, der wie kaum ein anderer seine tastendominierte Nachwelt beeinflusst hat. Schon zu Lebzeiten huldigten ihm seine Kollegen, etwa Robert Schumann, als er schrieb: "Hut ab, ihr Herren, ein Genie!" In den gerade einmal 39 Jahren, die dem Polen zugedacht waren, hat er ein überaus umfangreiches Lebenswerk hinterlassen, dem sich kein Virtuose, angefangen bei Franz Liszt und Clara Schumann, verschließen konnte und bis heute nicht kann. Har-Zahav befand sich mit seinem Programm also in allerbester Gesellschaft. Die Voraussetzungen für den Abend waren für einen Klavierabend durchaus nicht als optimal zu bezeichnen. Der Grotrian-Steinweg Flügel in der Synagoge hat einen recht ungehobelten Bass und einen teilweise scheppernden Diskant, was einem Pianisten das Leben nicht gerade erleichtert. Hinzu kommt eine harte Akustik, die einem solchen Rezital nicht zuträglich ist. Gerade diese Umstände aber machten den erfolgreichen Abend Har-Zahavs um so bemerkenswerter. Dass er ein großer Virtuose ist, hat er in der Region schon etliche Male unter Beweis gestellt. Wenn Har-Zahav ein Arpeggio spielt, meint man wirklich, eine Harfe zu hören; wenn eine Satzbezeichnung "con fuoco" lautet, dann spielt er feurig. Aber es gibt ja noch mehr, was einen guten Pianisten ausmacht. Überaus gefühlvoll startete Har-Zahav mit dem Walzer e-Moll in sein Programm, farbenreich gestaltete er das Nocturne Opus 27, Nr. 1 in cis-Moll. Seine brillante Technik konnte man in den Etüden Ges-Dur und c-Moll (Opus 10, Nr. 5 + 12) sowie As-Dur (Opus 25, Nr. 1) bewundern. Den Höhepunkt aber hob sich der Pianist mit der Sonate Nr. 2 in b-Moll, Opus 35, für das Finale seines Konzertes auf. Die Intensität, mit der sich Har-Zahav in diese Komposition stürzte, die vom großen Pianisten Alfred Cortot als ein "Fiebertraum" charakterisiert wurde, ließ keinen der Zuhörer kalt. Vom pathetischen Beginn des ersten Satzes bis hin zum, durch einen Raum fegenden Sturm gleichenden Finale von zwei Minuten war die ganze Interpretation stimmig und schlüssig. Kann man mehr von einem Konzert erwarten?! Dass Har-Zahav sein Publikum erreicht hatte, zeigte der begeisterte Applaus, mit dem die Zuhörer ihm dankten.