Eine Kindheit in der Feldstraße

WITTLICH. Nach der erfolgreichen Serie, in der Zeitzeugen aus der Region Trier von den letzten Kriegsmonaten berichteten, hat der Trierische Volksfreund eine Neuauflage gestartet. Im Mittelpunkt stehen die Wirtschaftswunder-Jahre. Heute ein Bericht von Rita Neukirch.

Ich bin im Juli des Jahres 1950 geboren. Aufgewachsen bin ich in der Feldstraße, die früher auch "Hinter der Mauer" hieß. In unserem kleinen Hof hinter dem Haus war sogar noch ein Stück alte Stadtmauer zu sehen. Im Haus lebten drei Generationen zusammen, und Oma hatte das Sagen. Wenn ich so zurück denke an die "alten Zeiten", dann fällt mir spontan die Vorweihnachtszeit ein. Der schlimmste Tag war eigentlich immer der Nikolaustag. Ich hatte den ganzen Tag Bauchschmerzen und verbrachte viel Zeit auf der Toilette. Und dann, wenn's dunkel wurde, dann kam er höchstpersönlich in unser Haus und hatte immer "Hans Muff" im Schlepptau. Hans Muff war schrecklich für mich. Aus dem Rucksack baumeln Kinderbeine

Ganz schwarz angezogen, eine schwarze Haube ganz übers Gesicht gezogen, aus der Mundöffnung hing eine lange rote Zunge heraus und auf dem Rücken trug er einen Rucksack, aus dem Kinderbeine heraus baumelten. Er war bewaffnet mit einer dicken Kuhkette und einem dicken Bund Ruten. Schon im Hausflur begann Hans Muff mit der Kette zu schlagen und brummte ganz furchtbar. Meine beiden jüngeren Kusinen und ich saßen immer auf dem Sofa in der Küche, den Küchentisch zwischen uns und dem Nikolaus. Dann wurden das Buch ausgepackt und alle meine Schandtaten vorgelesen, und bei jeder Untat, die Nikolaus verkündete, schlug Hans Muff krachend mit den Ruten auf den Tisch und rasselte mit der Kette. (ich konnte jahrelang kein Kettengerassel mehr hören). Dann kamen die Belehrungen, was alles ab sofort besser werden müsste, und dann gab's auch was geschenkt. Nun ja, es war so um 1955, und für Unnötiges war kein Geld da. Also bekam ich mal ein neues Leibchen und neue lange Wollstrümpfe zum Dranknüpfen, mal einen selbst gestrickten Pullover aus aufgezogener, gewaschener und glatt gestreckter Wolle. Dann noch einen Teller mit selbstgebackenen Plätzchen, Winteräpfeln aus dem Keller und einem Schokoladen-Nikolaus. Und dann gingen die beiden endlich wieder, aber nicht ohne Gebrumm und Gerassel. Ja und dann ging's ja auf Weihnachten zu. Ich besaß eine einzige Puppe, mein Lieschen, heißgeliebt, mit einem versengten kleinen Finger an der rechten Hand. Da ich mein Lieschen immer und überall mit hinschleppte, sie wusch und badete, sah sie auch irgendwann dementsprechend farblos aus. In der Adventszeit, meist wenn's 3. Lichtlein angezündet wurde, verschwand mein Lieschen auf rätselhafte Weise. Ich war unglücklich und erwartungsvoll zugleich, hatten mir doch meine Mutter und die Tanten bestätigt, dass das Christkind Lieschen in einer Nacht- und Nebelaktion abgeholt hat. Nacht- und Nebelaktion deshalb, weil ich trotz allen Aufpassens niemals merkte, wann Lieschen abhanden kam. Zwei Tage vor Weihnachten war dann das Wohnzimmer abgeschlossen, das Christkind hielt sich darin auf, - sagte meine Tante. Ich versuchte immer einen Blick durchs Schlüsselloch zu erhaschen, und wenn meine Tante das merkte, warnte sie mich jedes Mal, dass ich eins auf die Nase bekäme, wenn das Christkind merken würde, dass ich "spingkse". Und eines Tages war's auch wirklich so weit, ich "spingkste" durchs Schlüsselloch, bildete mir ein, das Christkind sieht mich und gibt mir eins auf die Nase. In Wirklichkeit hatte ich meine Tante gehört, war ertappt hochgefahren und mit der Nase unter den Türgriff geraten. Am 24. Dezember wenn es dämmerte, wurden alle, die im Haus wohnten, zusammengerufen. Dann saßen wir bei Oma in der Küche, und es wurde gesungen, Minimum eine halbe Stunde. Neun Personen waren wir, und jeder sang eine andere Tonlage. Man hörte uns bestimmt in der ganzen Feldstraße. Ja und dann hörten wir ein Glöckchen bimmeln und es war Bescherung. Richtige Kerzen brannten am bunt geschmückten Weihnachtsbaum, Wunderkerzen sprühten Funken dazwischen, das Krippchen mit der Heiligen Familie, den Hirten, Esel, Ochs und den Schäfchen mit den Streichholzbeinen (abgebrochene Beine wurden durch Streichhölzer ersetzt) war aufgestellt. Aber ich hatte nur Augen für Lieschen, die saß unterm Baum, die Augen frisch blau gemalt, die Lippen rot gelackt und hatte ein neues Kleid an. Ich war selig. Und wenn ich mir den Stoff von Lieschens Kleid dann näher betrachtete, dann schien es mir doch, als hätte ich den schon mal als Schürze oder abgelegtes Kleid gesehen. Im Übrigen erinnere ich mich, dass in diesen Jahren die abgelegten Kleider auch zu Kinderkleidern umgeschneidert wurden, und ich weiß noch, dass wir in der Schule immer mit Schürze zu erscheinen hatten. Ich musste des öfteren nach Hause gehen, weil ich "vergessen" hatte, eine anzuziehen. Gegen Schürzen hab ich heute noch eine Abneigung. Wir konnten noch auf der Straße spielen, Klicker, Verstecken und Nachlaufen. Und ich erinnere mich noch an ein Liedchen: "Auf dem Kölner Bahnhof, erste Galerie, da stand die kleine (...), gepudert wie noch nie. Sie wartet auf den Abschiedskuss, den ihr der (...)" geben muss." Ach was war man so verschämt, wenn der eigene Name mit einem Jungennamen zusammen genannt wurde. An lauen Sommerabenden brachten die "großen Leute" Küchenstühle auf die Straße und setzten sich zusammen. Es wurde getratscht, und sie sahen unseren Spielen zu. Federball wurde auf der Straße gespielt. Von der Straße runter gejagt wurden wir höchstens, wenn ein Bauer mit einer sich wild aufführenden Kuh durch die Feldstraße zum Stierstall ging. Was dort vor sich ging, war für uns alle ein großes Geheimnis, und Herr Otten achtete sehr genau darauf, dass es das auch viele Jahre noch so blieb. Alles in allem kann ich sagen, dass wir in diesen Jahren in Ruhe heranwachsen konnten. Hektik brach nur im Haus aus, wenn ein Gewitter über Wittlich tobte und Oma gesegnete Palmzweige im Herd verbrannte, damit wir von Schäden verschont blieben.

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