Eine Schaubühne ins Seelenleben

In loser Reihenfolge stellt der TV Künstler aus Saarburg und Umgebung vor. Das können Maler, Bildhauer, Musiker, Winzer oder Lebenskünstler sein. Fortgesetzt wird die Serie mit Karin Thimme-Bodzin. Die Künstlerin stellt ihre Werke zurzeit im Amüseum aus.

Saarburg. Im Treppenhaus des Amüseums in Saarburg hängt ein schwarzer Kasten. Vor der dunkelgrau und rostfarbenen Rückwand türmen sich Dutzende bunter Pillen zu einem Berg auf, auf denen ein einsamer Mann sitzt. Der Titel des Bildkastens: "Unser täglich Brot …" Das ist eines von rund 40 Motiven, die die Künstlerin Karin Thimme-Bodzin zurzeit in der alten kurfürstlichen Mühle ausstellt.
In ihren Bildkästen spielt die Künstlerin aus Wincheringen immer wieder mit solchen Kontrasten. Die 72-Jährige ist in München aufgewachsen. Vor 41 Jahren ist sie mit ihrem Ex-Mann nach Luxemburg gezogen, weil der damals für die EU arbeitete. Für die gelernte Bibliothekarin war das zunächst ein Kulturschock: "Luxemburg war damals grau, hässlich und verschlafen. Zum Glück hat sich das dann ja bald geändert."
Ende der 1970er Jahre fing Thimme-Bodzin an, das Töpferhandwerk zu lernen. "Als mir klar wurde, dass ich in meinem alten Beruf in Luxemburg keine Anstellung finde, suchte ich nach einer Alternative, Geld zu verdienen", erzählt die Künstlerin. Sie besuchte zahlreiche Töpferkurse in der Region, unter anderem auch an der Europäischen Kunstakademie in Trier.
Saarburger Künstler


Später unterrichtete Thimme-Bodzin selbst. "Aber davon allein hätte ich nicht leben können."
Parallel zu ihrer freiberuflichen Tätigkeit als Keramikerin machte Thimme-Bodzin eine Ausbildung als Kunsttherapeutin. Anschließend arbeitete sie mehrere Jahre für eine luxemburgische Alzheimer-Einrichtung. "Die Arbeit dort hat mich sehr geprägt", erzählt die Künstlerin. In dieser Zeit hat sie auch ihre Mutter betreut, die daran erkrankt war.
Infolge dieser Erfahrungen schrieb sie das Buch "Ein Leben im Spagat", das die Geschichte einer verwirrten alten Frau erzählt, die sich bruchstückhaft an ihre Jugendzeit als Ballett- und Seiltänzerin erinnert.
Diese Ambivalenz findet sich auch in den Arbeiten der Künstlerin wieder. Die Bildkästen sind die Bühne, auf der die Künstlerin ihr Seelenleben offenbart. Sie sind aber auch Ausgangspunkt eines Dialogs zwischen dem Werk und dem Betrachter.
So folgt auch die Arbeit "Was nun Herr Präsident?", in der eine Marionette an seidenen Fäden von einer Hand gehalten wird, dieser Dialektik. Die kindlich-spielerische Szene macht klar, dass auch die Mächtigen in ihren Entscheidungen oft ferngesteuert sind. Und dass sie es mit der Wahrheit dann nicht zu genau nehmen; denn tatsächlich hängt da Pinocchio. Oft findet Thimme-Bodzin die Artefakte auf dem Trödelmarkt oder auf Reisen. Es können aber auch mal alte Telefonbücher sein, die sie in einem Schreibwarenladen in schmale Streifen teilen lässt. Daraus entstehen dann auch mal reliefartig dargestellte Engel, die im Reigen tanzen, oder auch kämpfen - je nach Lesart des Betrachters.
Die Umsetzung eines Themas sei oft ein langwieriger Prozess, in dem sie immer und immer wieder über einer Idee brütet, bis es reif ist, umgesetzt zu werden. "Der Missbrauch von Kindern hat mich lange beschäftigt. Erst als ich die zerbrechliche, alte Puppe hatte, konnte ich sie in eine bunte Stola legen." Im Amüseum ist die in einem Plexiglaskasten arrangierte Arbeit mit dem Titel "Gut aufgehoben" - so wie die anderen im Text beschriebenen Bildkästen - noch bis zum 5. Januar zu sehen.
Das Amüseum ist von montags bis freitags sowie sonntags und feiertags von 11 bis 16 Uhr geöffnet.