"Eine ungeheure Einschränkung"

Mit einem Forderungskatalog an die Verbandsgemeinde und die Stadt Hermeskeil treten der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e (BSK) und die Vorsitzende des Bereiches Mittelmosel, Anita Reichert, an die Öffentlichkeit. Ihre Hauptforderung: "Öffentliche Toiletten sollten für alle zugänglich sein."

 Zu eng und zu steil: Yvonne Wirth aus Hilscheid graust es an dieser Rampe, die zu städtischen Toiletten führt, die für Behinderte extrem ungeeignet sind. TV-Foto: Herbert Thormeyer

Zu eng und zu steil: Yvonne Wirth aus Hilscheid graust es an dieser Rampe, die zu städtischen Toiletten führt, die für Behinderte extrem ungeeignet sind. TV-Foto: Herbert Thormeyer

Hermeskeil. Treppen sind für Rollstuhlfahrer eine echte Barriere. Aber auch viel zu steile Rampen oder zu enge Toiletten, wie unterhalb des Rathauses, sind ein Problem. Anita Reichert, Vorsitzende der BSK Mittelmosel, sieht hier massiv die bestehende Gesetzeslage missachtet. "Ankündigungen und Versprechen in einem Schreiben vom Bürgermeister der Verbandsgemeinde, Michael Hülpes, können wir so nicht stehen lassen", stellt die BSK-Leiterin der Landesstelle Rheinland-Pfalz fest.

Hermeskeil auf Barrierefreiheit getestet

Reichert will nicht bis 2009 warten, bis etwas in Sachen Barrierefreiheit und freier Zugang zu Toiletten in Hermeskeil geschieht. "Der Hinweis auf Behindertentoiletten in der Hochwaldhalle und dem Johannishaus nutzt wenig, wenn die Gebäude geschlossen sind", mahnt Reichert. Der BSK Mittelmosel betreue rund 170 Betroffene, von denen nicht jeder wisse, wo in Hermeskeil die Hochwaldhalle und das Johanneshaus stehen. Drei "Rolli"-Fahrerinnen hat die Vorsitzende daher mitgebracht, um Hermeskeil zu testen. Ihr Urteil ist vernichtend. Entsetzt ist Yvonne Wirth aus Hilscheid, als sie die Schräge an den Toiletten unterhalb des Rathauses runterrollen soll: "Das ist so steil, da kippt man." Gisela Degen und Dagmar Klose probieren mit ihr gemeinsam aus, ob die Toilette unter dem Rathaus für sie nutzbar ist. Dieses "Örtchen" fällt total durch, weil es viel zu eng ist. Das einhellige Urteil der drei Rollstuhlfahrerinnen: "Keine Chance, diese Toilette zu benutzen." Auch die Suche nach einem Lokal, in den man in Hermeskeil einfach so reinrollen kann, gestaltet sich schwierig. "Sehen sie mal, zwei Stufen und keine kleine Rampe, die nun wirklich nicht viel kostet." Dieser Satz fällt immer wieder in der Fußgängerzone, die für Rollstuhlfahrer zur Qual wird. Die Betroffenen appellieren an die Geschäfte: "Denken Sie daran, wir sind auch Kunden. Aber wer nicht ins Geschäft kommt, macht auch keinen Umsatz."

Bewegungsfreiheit nicht gegeben



Außerdem sollte man an Touristen mit Rollstuhl denken, so ein BSK-Hinweis an die Urlaubsregion Hochwald. Rollstuhlfahrer überlegen sich nämlich sehr genau, wo sie Urlaub machen, denn sie wollen die schönsten Tage des Jahres so genießen wie Nichtbehinderte. Die drei Rollstuhlfahrerinnen kommen zu dem Schluss: "Sich in Hermeskeil zu bewegen, ist eine ungeheure menschliche Einschränkung."

"Es ist richtig, dass es in Hermeskeil noch vieles zur Verbesserung der Barrierefreiheit für Behinderte zu tun gibt", sagt der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Hermeskeil, Michael Hülpes. Aber alle Maßnahmen zur Änderung der derzeitigen Situation seien mit baulichen Veränderungen verbunden. "Wie ich dem BSK angekündigt habe, werde ich dem Rat entsprechende Empfehlungen zur Verbesserung der Situation der Behinderten machen und darum werben, dass für diese Maßnahmen auch die notwendigen Haushaltsmittel im kommenden Jahr bereitgestellt werden." Die Bauabteilung der Verbandsgemeindeverwaltung habe von ihm bereits vor zwei Monaten den Auftrag erhalten, entsprechende Planungen und Kostenschätzungen durchzuführen, so Hülpes.

Stadtbürgermeisterin Ilona König schließt sich diesen Ausführungen an und lässt derzeit für die städtischen Bereiche prüfen, welche Maßnahmen zur Verbesserung der Behinderten umsetzbar sind, um im Haushalt der Stadt Hermeskeil im kommenden Jahr finanzielle Mittel einplanen zu können.

Extra Der Forderungskatalogdes BSK Mittelmosel: Eine Behindertentoilette in der Stadtmitte oder Nähe Rathaus, die rund um die Uhr mit einem Euroschlüssel zugänglich ist; Bei Neu- und Umbauten von städtischer Seite darauf bestehen, dass sie allen Menschen zugänglich sind und eine Behindertentoilette, wie in der Bauordnung vorgeschrieben, eingebaut wird; Bei jeder Straßensanierung darauf achten, dass die Bordsteine abgesenkt werden; Darauf drängen, dass Niederflurbusse eingesetzt werden; Persönliche Rücksprache mit Betroffenen und dem BSK zur besseren Bewusstseinsbildung bei Problemen, die Körperbehinderte betreffen, denn hier ist das Fachwissen. Informationen zum BSK: Telefon 06534/940066 oder www.bsk-mittelmosel.de. (doth)