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Eis vom Bauernhof: Landwirt aus Kahren produziert mit Milch seiner Kühe Gefrorenes - Nitteler hilft bei Rezepten

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Saarburg. Hier schmilzt nun das Eis, anstatt der Milchpreise: Johann Hirt macht mit jedem verkauften Liter Milch zehn Cent Verlust. Diesen will der Landwirt aus Kahren dadurch ausgleichen, dass er Eiscreme produziert und auf dem Hof direkt vermarktet. Die Rezepte hierfür hat er zusammen mit Walter Curmann aus Nittel verfeinert. Alexander Schumitz

Die Hühner gackern auf der Streuobstwiese gleich neben dem Hof. Aus dem Stall wenige Meter weiter ist das Muhen der Kühe zu hören. Johann Hirt füttert gerade ein in der Nacht geborenes Kalb mit frischer Milch. "Das ist wichtig, damit sich die Tiere gut entwickeln", sagt der Landwirt.

Etwa 80 Kühe stehen auf den Weiden von Johann Hirt, die sich auf dem Saargau verteilen. Mit jedem Liter Milch, den Hirt an die Milcherzeugergemeinschaft (MEG) verkauft, macht er zwischen zehn und zwölf Cent Verlust. Die Preise sind nach dem Wegfall der Milchquote vor 17 Monaten wieder auf dem Stand von 2009. Damals wurden von den Molkereigenossenschaften 19 Cent für den Liter Milch gezahlt.

Um nicht immer weiter rote Zahlen zu schreiben, hat Hirt zunächst seine Herde von 150 auf 80 Kühe verkleinert. Das funktioniere aber nur bis zu einem gewissen Punkt, sagt er weiter. "Denn ohne Kälber gibt es keine Milch." Und die braucht der Kahrener Landwirt jetzt, um Speiseeis herzustellen.
Die Idee hierfür kam ihm, als er einen Prospekt eines Eismaschinenherstellers in den Händen hielt. Denn immerhin isst jeder Deutsche laut einer Information des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie jährlich etwa acht Liter Speiseeis. Da lag es für den Eisliebhaber nahe, mit der Milch seiner Kühe sowie den Eiern seiner Hühner selbst in die Speiseeisproduktion einzusteigen und das Produkt in seinem Hofladen direkt zu vermarkten. Hirt hat er einen fünfstelligen Betrag investiert, um die Idee zu verwirklichen. Bevor er aber in die Eisproduktion einstieg, machte er sich Gedanken über die Rezepte. Denn das Eis sollte nicht so wie im Supermarkt schmecken.

Also suchte er einen Verbündeten, den er mit Walter Curmann aus Nittel fand. "Anfangs war ich skeptisch", sagt der Chef des Culinarium im TV-Gespräch, der mit Hirts Nichte verheiratet ist. "Aber je mehr ich mich damit beschäftigte, um so überzeugter war ich, dass es funktionieren könnte."
Also hockten Hirt und Curmann immer wieder zusammen und überlegten, wie sie die Rezepte verfeinern könnten. Klar war den Qualitätsfanatikern, dass keine Eisbinder, Geschmacksverstärker oder Weichmacher Verwendung finden sollten.

Die beiden experimentieren mit echter Vanille, die Bananen werden selbst püriert, und für Straciatella-Eis werden Schokoflocken in die Eismasse gegeben. Lebensmittelrechtlich ist das Eis vom Hof unbedenklich: "Die Milch und das Eigelb werden pasteurisiert, bevor daraus Speiseeis hergestellt wird. Kommt das Eis aus der Maschine, wird es sofort schockgefroren", sagt Curmann. Mittlerweile stellt Hirt mehr als zehn Eissorten her. Darunter natürlich das bei den Deutschen besonders beliebte Vanilleeis, aber auch Walnuss- und Erdbeereis sowie Zitronen- und Mangosorbet. Hirt hofft, durch den Verkauf von Eiscreme die Verluste aus dem Milchverkauf auszugleichen. Zurzeit arbeiten zwei Frauen drei Tage pro Woche in der Eisproduktion. Eine Anfrage aus dem Einzelhandel habe er auch schon. Bevor er hier zuschlägt, will er erst abwarten, wie es mit dem Eisabsatz ab Hof weitergeht. Die Kunden, die bisher den Weg in den Hofladen gefunden haben, würden das Produkt lieben - egal, ob Familien, die mehrere kleine Eisbecher kaufen, oder Bauarbeiter, die sich vor den Hofladen setzen und gemeinsam die Literbox leerlöffeln.Extra

Milchbauern in der Region reagieren unterschiedlich auf die Milchpreisentwicklungen. Der TV hat in der Vergangenheit häufiger über entsprechende Projekte berichtet. Hier eine kleine - nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebende - Übersicht: Günther Nosbüsch aus Ferschweiler (Eifelkreis Bitburg-Prüm) setzt auf die Futterrübe statt auf Mais, um seine Kühe zu füttern. Dank neuer Erntemaschinen würde sich der Anbau der traditionellen Futterpflanze wieder lohnen. Zudem erhofft er sich eine um zehn Prozent höhere Milchmenge pro Tag, da die Kühe die gehäckselten Früchte - so Nosbüsch - "lieben". Stefan Freuen, Theo Serwas sowie die Brüder Gereon und Bruno Ney aus Brühlborn (Eifelkreis Bitburg-Prüm) vermarkten mittlerweile einen Teil der Milch über Automaten zum Selber-Zapfen. Sie berichten, dass jeden Tag viele Verbraucher dort stoppen und sich mit Milch eindecken. Mittlerweile setzen mehrere Landwirte in der Region auf die Direktvermarktung ihrer Milch, sowohl mit wie auch ohne Zapf-Automat, wie auch Clemens Bisenius aus Ralingen Olk. David Engel vom Engelshof in Hetzerath (Landkreis Bernkastel-Wittlich) errichtet zurzeit eine hofeigene Molkerei. Dort will er jährlich 110 000 Liter Milch selbst abfüllen oder zu Joghurt weiterverarbeiten. Er plant auch einen Lieferservice für seine Produkte. Die Nachbarn von Johann Hirt in Kahren, Ronny und Silke Fuchsen, setzen auf Käse. Gemeinsam mit dem Riedhof in Mannebach haben sie Rezepte entwickelt und machen aus der Milch ihrer Kühe Käse. Der wird auf dem Hof, auf regionalen Märkten und bei Partnern aus der Lebensmittelbranche verkauft. itz