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Er nennt sich Mortel, ist in Bitburg geboren und hatte in seiner Jugend eine kriminelle Phase in Konz. Heute ist er ein Rap-Star.

Kultur : Von der Straße in Trier zum Rap-Star

Er nennt sich Mortel und hatte in seiner Jugend eine kriminelle Phase in Konz. Inzwischen ist er im deutschen Hip-Hop eine Größe. Der TV hat sich mit dem 26-Jährigen getroffen.

1,95 Meter groß, muskulös und schwarz: Mortel fällt auf. Manchmal wird der 26-jährige Wahl-Trierer erkannt. Die Leute wollen ein Foto mit ihm, wenn er durch die Fußgängerzone geht. Denn der Mann ist einer der bekanntesten Durchstarter in der deutschen Rap-Szene. Sein Künstlername bedeutet auf Französisch „tödlich“, positiv besetzt auch „krass“. Und krass ist vor allem der Erfolg, den Mortel in den vergangenen Monaten hatte: Sein Musikvideo zum Song „PGS“ ist beim Videoportal Youtube mehr als drei Millionen mal angeklickt worden.  Sein Album „Racaille (Mixtape)“ war im Oktober auf Platz 26 der deutschen Albumcharts. Er hat geschafft, was sich viele andere Musiker wünschen. Mortel lebt von seiner Musik. Dabei ist der Rapper mit denkbar schlechten Voraussetzungen gestartet: in ärmlichen Verhältnissen in der Eifel. In der Provinz fernab von urbaner Hip-Hop-Kultur.

Herkunft Seine Eltern sind in den 1980er Jahren als Flüchtlinge aus dem Kongo nach Deutschland gekommen. Deswegen kommt er in Bitburg auf die Welt. Dort habe er in einer Wohnung in einem Hochhaus gelebt, während seine Freunde in schicken Einfamilienhäusern wohnten. Rassismus habe er  als Kind nicht erfahren, sagt er. Im Gegenteil. Als Stürmer habe er auch erfolgreich Fußball gespielt.

Kriminelle Phase Mortels Familie zieht dann nach Konz. Auf Fußball hat er keine Lust mehr, auf Geld und Drogen schon. An der damaligen Konzer Hauptschule kommt er auf die schiefe Bahn. Illegale Graffiti, Drogen und Schlägereien gehören für ihn zum Alltag. Mortel wird Anführer der „Konz Clique“ (Französisch gesprochen: „kliek“), von der Polizei wird die Gruppe auf Deutsch Konzer Clique genannt. Es ist eine Jugendgang, die Partys aufmischt und in der ganzen Stadt ihr Markenzeichen, in der Graffiti-Szene Tag genannt, hinterlässt: „KC!“ Monatelang habe die Clique Angst und Schrecken verbreitet, berichtet der Volksfreund 2006, als der 15-jährige Anführer erwischt wird. Die Polizei nimmt ihn vor den Augen seiner Mitschüler fest. Elf Jahre später sagt Mortel: „Ich bereue viele Taten, aber es hat auch seinen Grund gehabt. Wir hatten sehr viele Konflikte mit Rechtsradikalen.“ Es habe in Konz und Trier mehrere konkurrierende Jugendbanden gegeben. Fremde außerhalb der Gangkultur habe er nie attackiert, sagt der 26-Jährige.  „Früher war einfach viel mehr los auf der Straße.“

Rückkehr ins Leben Mortel hat trotz der Festnahme und der Verurteilung Glück: Weil seine Mutter sich sehr für ihn eingesetzt habe – und vor dem Haftrichter in Ohnmacht gefallen sei. So habe das Gericht eine Lösung ohne Aufenthalt im Knast für ihn gesucht. Er muss letztlich nicht in eine Jugendhaftanstalt, sondern  kommt in eine Einrichtung für schwer erziehbare Jugendliche, bis er 18 wird. „Das hat mir sehr gut getan“, urteilt er heute. Er macht dann eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Privat lernt er seine Lebensgefährtin kennen. Mit 21 Jahren wird er erstmals Vater. Heute hat er zwei kleine Kinder. Bis 2017 arbeitet er in einem Trierer Geschäft.

Musik Trotz der kriminellen Energie gibt es eine Konstante im Leben des Rappers: die Musik. Seine Eltern seien Hip-Hop-Fans. Mortel selbst ist schon in seiner Kindheit oft in Paris. Französisch spricht er fließend. Seine Verwandten leben in einem Banlieue, einem der berüchtigten Vororte der französischen Hauptstadt. Dort lernt er nicht nur die französische Parallelgesellschaft aus Zuwanderern kennen, sondern auch den harten französischen Straßen-Rap samt seiner Video-Ästhetik mit Gangkultur, Kampfhunden, schicken Autos, Waffen, Plattenbauten und Frauen. Mortel saugt diesen Einfluss auf. Er arbeitet eng mit einem französischen Modelabel zusammen und gründet sein Label Racaille Music Group.

2013 veröffentlicht Mortel das Video zu „Jung, frisch, wild“. In einer der ersten Zeilen verkündet er: „Ich bring’ wieder Style in dieses Rap-Game.“ Und der Stil darin ist nicht nur aus seiner  Sicht etwas Neues: „Wir haben das Video in Frankreich gedreht, in diesen Ghettos. Das ist das, was Deutsch-Rap immer versucht zu machen, aber keiner hat es bis dato so authentisch rübergebracht“, sagt Mortel und steht damit anscheinend nicht alleine da. Denn seinen Erfolg hat er der gut vernetzten Rap-Szene zu verdanken. Bei gemeinsamen Touren lernt er die Szene-Größen kennen. Seine sympathische Art kommt gut an. Deshalb kann er für sein „Racaille (Mixtape)“ etliche bekannte Rapper gewinnen: Azad, Sido, Fler, Massiv und Nimo. „Das sind mittlerweile Legenden, die ich da auf einer Platte versammelt habe“, sagt Mortel, der sich erfolgreich im Internet über Facebook, Instagram und Youtube vermarktet.

volksfreund.de will er kein Video-Interview geben. Aus Marketing-Gründen soll ein Videointerview in einem Späti auf der Szene-Seite hiphop.de vorerst das einzige bleiben. Ab Ende Januar ist er mit Fler und Jalil in Deutschland, der Schweiz und Österreich auf Tour, unter anderem in Köln am 2. Februar.

Gesellschaftskritik In seinen Texten, die Mortel auf dem Handy schreibt, greift er typische Szene-Themen auf: Kriminalität, Drogen, Gewalt, Waffen, Statussymbole und Ärger mit der Polizei. Immer wieder streut er französische Passagen ein. „Ich spiegele das wider, was in meiner Umgebung passiert“, sagt der Rapper. Das sei durchaus Gesellschaftskritik. Seine Kumpels und er nennen sich deshalb auch Racaille Gang. Racaille heißt auf Französisch Pack oder Gesindel. Mortels Rap klingt wütend und roh. Der erfolgreichste Song PGS handelt von der Parallelgesellschaft, der Stimme der Unterschicht, die nach oben strebt. Darin spuckt diese Stimme all ihre Wut heraus. Und wütend macht Mortel heute vor allem Rassismus. Das sei schlimmer geworden nach der Flüchtlingskrise. Er selbst sei aber groß und schwarz. Da traue sich niemand, ihn anzupöbeln.

 Der Rapper Mortel steht vor der Porta Nigra in seiner Wahlheimat Trier.
Der Rapper Mortel steht vor der Porta Nigra in seiner Wahlheimat Trier. Foto: TV/Christian Kremer
 Das Bild zeigt Graffiti der Konz Clique aus dem Jahr 2006.
Das Bild zeigt Graffiti der Konz Clique aus dem Jahr 2006. Foto: polizei

Mit dem TV spricht Mortel ganz gelassen darüber, wie dankbar er für die Wendungen in seinem Leben ist. Eines fehlt ihm aber noch: ein deutscher Pass. Dieser wird ihm wegen seiner kriminellen Vorgeschichte verwehrt. Noch ist der gebürtige Eifeler offiziell Angolaner, obwohl seine Herkunft kaum zu überhören ist. In Trier fühle er sich wohl, sagt Mortel. „Hier ist es schön ruhig. Aber es gibt zu wenig, was ich mit meinen Kindern machen kann.“