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Flüchtlingsarbeit: Es läuft nicht rund

Flüchtlingsarbeit: Es läuft nicht rund

In der Flüchtlingsarbeit in Kell am See rumort es: Einige ehrenamtliche Helfer beschweren sich darüber, dass die Caritas, die für die Betreuung der Gemeinschaftsunterkünfte zuständig ist, ihre Initiativen ausbremse und Dinge zu langsam angehe. Der Ortsbürgermeister will vermitteln - mit Hilfe eines Runden Tischs.

Kell am See. Mit zehn Kindern und Erwachsenen, die zurzeit im Containerdorf an der Alten Mühle in Kell leben, macht sich Heidi Hans-Sadowsky auf den Weg. Sie will ihnen die Umgebung zeigen. Immer montags um 15 Uhr holt sie die Flüchtlinge zur Wanderung ab: "Das ist eine schöne Gelegenheit, sich kennenzulernen." Und ein Beispiel für das Engagement, das die Keller Bürger bei der Integration der neuen Mitbewohner beweisen. Auch die Flüchtlinge hätten sich "gut ins Dorfleben eingefügt", sagt Ortsbürgermeister Markus Lehnen. Dennoch sieht er Verbesserungspotenzial: "Zu 90 Prozent läuft es gut, aber es gibt auch Reibungspunkte." Vorschlag des Ortschefs: Aktuell leben in Kell 74 Asylsuchende, davon 62 an der Alten Mühle und in der Gemeinschaftsunterkunft im ehemaligen Hotel St. Michael. Die Betreuung organisieren seit Dezember vier hauptamtliche Mitarbeiter des Caritasverbands Trier. Der Sozialdienst kümmert sich um ein konfliktfreies Zusammenleben in den Unterkünften, organisiert Sprachkurse und Projekte mit den Ortsvereinen, meldet die Kinder in Schulen und Kindergärten an, begleitet die Flüchtlinge im Alltag. "Das funktioniert gut", sagt Lehnen. Es sei nun aber an der Zeit, "zu prüfen, ob die Verantwortlichkeiten klar sind und wo Aufgaben besser verteilt werden können". Dazu schlägt er einen Runden Tisch vor mit Caritas, Ortsgemeinde, Verbandsgemeinde (VG) Kell und ehrenamtlichen Helfern. Zwischen Letzteren und den Betreuern der Caritas, sagt Lehnen, "knirscht es im Gebälk". Es fehle auch an Koordination. Das sagen die freiwilligen Helfer: Das bestätigt Michael Pauken. Der ehemalige Pfarrer ist schon lange in der Flüchtlingshilfe aktiv. Im Zusammenspiel mit der Caritas, sagt er, sei "viel schiefgelaufen". Dies führe er auch auf die "Überforderung aller Seiten" in der Anfangsphase zurück. Inzwischen gebe es die Strukturen, aber vieles laufe "zu langsam". Ehrenamtler und Hauptamtliche hätten "unterschiedliche Schwerpunkte", sagt Pauken. "Uns geht es um den einzelnen Menschen, ihm wollen wir schnell und pragmatisch helfen." Viele Initiativen würden jedoch von der Caritas "ausgebremst - und das demotiviert". Bei einer Versammlung im Dezember hätten 50 Bürger ihr Engagement signalisiert, sagt Pauken. Davon seien noch "etwa ein Dutzend" übrig, die Flüchtlinge zu Spaziergängen mitnähmen, Kinder betreuten und einen Stammtisch für allein reisende Männer anböten. Sie würden von den Hauptamtlichen jedoch "von oben herab" behandelt, kritisiert Pauken. Er sei skeptisch, ob ein Runder Tisch dies ändere.Carmen Müller organisiert mit Pauken den Flüchtlings-Stammtisch. Als Tochter der Besitzerin des früheren Hotels St. Michael sei es ihr ein Anliegen, "dass die Unterkunft in gepflegtem Zustand erhalten" werde, sagt sie. Sie habe deshalb Vorschläge für eine Hausordnung gemacht und dafür, wie man den Bewohnern über Arbeiten im Haus eine Beschäftigung geben könne. "Das wurde abgeblockt - als sei die Hilfe nicht gewollt." Inzwischen habe sie allerdings ein Gespräch mit Caritas-Vertretern gehabt, das sie optimistischer stimme: "Ich sehe ein, dass es schwer ist, so viele Akteure einzubinden. Aber wir dürfen keine Fronten aufbauen." Wie der TV erfahren hat, üben auch Helfer aus Reinsfeld ähnliche Kritik. Die dortige Flüchtlingsunterkunft wird ebenfalls von der Caritas betreut. Gestern wurden die 28 Bewohner allerdings vorübergehend nach Kell verlegt, weil die Reinsfelder Unterkunft von Schimmelpilzen befallen ist (der TV berichtete). Das sagt die Caritas: Die Helfer würden von zwei Ehrenamts-Koordinatoren der Caritas und des Dekanats Hermeskeil-Waldrach begleitet, teilt Andreas Schäfer mit, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit im Caritasverband Trier. Unter den Helfern gebe es "einige, die den Sinn der Begleitung nicht als vordringlich ansehen und eigenständig agieren". Laut Caritas gibt es 22 aktive Helfer und regelmäßige Netzwerktreffen. Ein Runder Tisch sei deshalb "nicht erforderlich".Die Caritas sei auch auf "Kooperationsbereitschaft" angewiesen, erklärt Schäfer. Der Sozialdienst "bremse nichts aus", gehe aber nach einer "Prioritätenliste" vor. Darauf stünden etwa die Sprachkurse weit oben. Diese Strukturen seien schnell geschaffen worden. Auch der Sozialdienst wolle, "dass sich die Menschen wohlfühlen", betont Schäfer. Es gehe aber auch darum, sie auf eine eigenständige Lebensführung vorzubereiten. Mit diesem Thema sollten auch die Ehrenamtlichen "sensibel umgehen". Der Sozialdienst habe seine Verfahren mit der VG abgestimmt, die Aufgabenverteilung sei nun "klar festgelegt" und werde auch den ehrenamtlichen Helfern "klar dargelegt". Das sagt die Verbandsgemeinde: Laut Büroleiter Norbert Willems will die Verbandsgemeinde zum Gespräch mit Caritas und ehrenamtlichen Helfern einladen. Es habe offenbar "Missverständnisse" gegeben, die es zu klären gelte. Ebenso müsse festgelegt werden, "wer für was zuständig ist". Ortschef Markus Lehnen hofft, dass der Runde Tisch bald zustande kommt. Sein Ziel ist, "dass alle an einem Strang ziehen und wir wieder mehr auf die Leute zugehen, die helfen wollen". Meinung

Hilfsbereitschaft nicht verspielenIm Dezember standen alle Akteure, die sich in der Flüchtlingsarbeit in Kell am See engagieren, vor einer großer Herausforderung. Die Abläufe mussten sich erst allmählich einspielen. Deshalb ist es eine gute Idee, sich jetzt nach vier Monaten zusammenzusetzen und zu prüfen, was man verbessern könnte. Der Konflikt zwischen einigen ehrenamtlichen Helfern und den hauptamtlichen Betreuern der Unterkünfte zeigt, dass es offensichtlich Gesprächs- und Handlungsbedarf gibt. Dabei sollte klar sein, dass jemand die Arbeit koordinieren und das Heft in der Hand halten muss. Das ist richtigerweise die Caritas. Klar ist auch, dass schnelle, pragmatische Hilfe nicht immer möglich ist, dass es klare Zuständigkeiten geben muss und dass ein Vorpreschen auf eigene Faust nicht funktioniert. Das müssen auch die ehrenamtlichen Helfer akzeptieren. Aber diese notwendigen Hierarchien dürfen nicht dazu führen, dass die freiwilligen Helfer am Ende demotiviert sind und das Gefühl haben, dass ihre Unterstützung nicht willkommen ist. Dazu ist die Aufgabe, die es zu bewältigen gilt, viel zu groß. Kell kann es sich nicht leisten, ein Potenzial an Hilfsbereitschaft, das ja offenbar da ist, durch Kompetenzgerangel zu verspielen. Der Runde Tisch könnte ein Beitrag sein, die Akteure wieder auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. Allerdings nur, wenn das auch alle ernsthaft wollen. c.weber@volksfreund.deExtra

Der Caritasverband Trier betreut zurzeit nach eigenen Angaben in Projekten mit verschiedenen Partnern mehr als 3500 Flüchtlinge in Trier und dem Kreis Trier-Saarburg. Unterstützung gibt es dabei auch durch Sach- und Geldspenden der Bürger. Um diese Hilfsangebote besser koordinieren zu können, hat der Caritasverband Trier eine Online-Spendenplattform entwickelt. Unter der Adresse <%LINK auto="true" href="http://www.tat-sachen-spenden.de" text="www.tat-sachen-spenden.de" class="more"%> können alle, die helfen wollen, sehen, was aktuell wo gebraucht wird. Die Spendengesuche können nach Anzeigenart, Ort und Rubrik sortiert werden - egal ob man Zeit, Taten oder Geld spenden will. red