Prozess vor dem Landgericht: Frau in Taben-Rodt angefahren – Mordversuch ohne Erinnerung?

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Die angefahrene Frau weiß nicht, wie sie zum Opfer wurde, der Angeklagte laut seinem Rechtsanwalt auch nicht. Der Prozess wegen versuchten Mordes in Taben-Rodt ist ein kniffeliges Puzzlespiel mit vielen Zeugen, Gutachten und Drohnenaufnahmen.

Die 15-jährige Zeugin antwortet leise. Behutsam versucht Richterin Petra Schmitz ihr zu entlocken, was sie in den Morgenstunden des 15. Novembers 2018 beobachtet hat. Ein weißes, größeres Auto sei mehrmals nahe der Bushaltestelle, an der sie mit anderen gewartet habe, den Berg runter und rückwärts wieder hochgefahren. Den Fahrer beschreibt sie als Mann mit Glatze oder wenigen Haaren – und einem Eierkopf.

Einige schmunzeln daraufhin im Saal des Landgerichts, in dem der Prozess wegen versuchten Mordes in Taben-Rodt verhandelt wird. Die Beschreibung könnte auf den anwesenden Angeklagten passen. Er hat eine Halbglatze, gesäumt von kurzem, graumeliertem Haar. Die 15-Jährige ist eine von 34 Zeugen, die in dem Verfahren bislang angehört wurden. Hinzukommen vier Gutachten, die das Gericht beauftragt hat: ein psychiatrisches, ein psychologisches, ein rechtsmedizinisches und ein Kraftfahrzeug-Gutachten. Weitere könnten folgen.

Verteidiger Dr. Andreas Ammer kündigt im Gespräch mit dem TV an, eventuell noch Untersuchungen in Auftrag zu geben. Ammer sagt: „Wir müssen uns dem Geschehen von außen nähern.“ Sein Mandant könne sich nicht erinnern. Vorgeworfen wird ihm, seine Ex-Freundin auf dem Weg zur Arbeit in der Nähe der Bushaltestelle mit seinem weißen SUV (Sportgeländewagen) abgepasst und angefahren zu haben, mit der Absicht, sie zu töten.

Zur Sache hat sich der Angeklagte vor Gericht bisher nicht geäußert. Auch am Montag sagt er nichts – und das obwohl sein Rechtsanwalt eine Erklärung des Beschuldigten angekündigt hatte. Doch sie wird ein zweites Mal verschoben – diesmal, weil der Verteidiger früh weg muss, und zwar zum Hells-Angels-Prozess im Saal gegenüber.

Vorher wird der einstige Arbeitgeber des Opfers befragt. Er war am Tattag laut eigener Aussage zu seiner Angestellten hingeeilt, als eine Nachbarin telefonisch Bescheid gegeben hatte, dass die 44-Jährige nicht weit entfernt vom Büro verletzt im Graben liege. Der Taben-Rodter beschreibt, dass die Frau aufgelöst gewesen sei, sich an nichts habe erinnern können und unter der Decke, in die sie bereits eingehüllt war, schwerverletzt gewirkt habe.

Zur Erhellung der Beziehung seiner Angestellten mit dem Angeklagten, den er oberflächlich kennt, kann er nicht viel beitragen. Zum wiederholten Mal hört das Schöffengericht in dem Verfahren zumindest in Andeutungen das, was der Beschuldigte auch schon ausgesagt hat. Demnach hat er sieben Jahre lang eine Art Doppelleben geführt: Mit einer Frau hat er zusammengelebt, mit der anderen eine Liebesbeziehung geführt. Letztere war diejenige, die angefahren wurde – wenige Monate nachdem sie die Liaison beendet hatte.

Die Aussagen des Arbeitgebers und seiner Frau machen einmal mehr deutlich, wie sehr der Zwischenfall im November 2018 das Leben des Opfers verändert hat. Neun Jahre lang habe sie in dem Betrieb gute Arbeit geleistet, wie beide vor Gericht betonen. Die Ehefrau erklärt gegenüber dem TV, ihr Mann habe sich aus Not zur Kündigung gezwungen gesehen. Der Betrieb bestehe aus zwei Handwerkern und der Frau, die im Büro gearbeitet habe. „Sie fehlt nun schon seit elf Monaten, und wir wissen nicht, wann sie wieder kommt. Dabei ist viel zu tun. Wir brauchen dringend wieder eine dritte Kraft“, erklärt die Taben-Rodterin.

Noch ist die Kündigung nicht vollzogen. Dies hängt laut Hanna Kullmann, die die angefahrene Frau als Nebenklägerin vor Gericht vertritt, damit zusammen, dass ihre Mandantin nach dem Vorfall als 50 Prozent behindert und damit als schwerbehindert eingestuft wurde. Damit gilt ein besonderer Kündigungsschutz für sie. Im August hatte die Frau vor Gericht geschildert, dass sie sich nicht an den Zwischenfall erinnern könne. Dessen Folgen konnte sie jedoch genau benennen: ein Schädel-Hirn-Trauma, eine Hirnblutung, der Kiefer komplett zerstört, ein „zermatschtes“ linkes Handgelenk, ein gebrochenes Bein und herausgerissene Bänder an dem andern Bein. Sie berichtete von einigen Operationen, einer laufenden Psychotherapie und einer geplanten Traumatherapie. Autofahren könne sie nicht mehr und wegen der Verletzungen nur Turnschuhe und Leggings tragen. Am nächsten Verhandlungstag, dem 28. Oktober, steht eine digitale Tatortbegehung auf dem Programm. Die Polizei wird dann Drohnenaufnahmen vom Tatort und den Standorten der Zeugen zeigen.

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