Gemeinde Freudenburg will denkmalgeschütztes Amtshaus abreißen – und wittert Streit

Dorfentwicklung : Gemeinde Freudenburg will altes Amtshaus abreißen – und wittert Streit

Einstimmig hat sich der Freudenburger Rat für den Abriss des jahrhundertealten Amtsgebäudes im historischen Ortskern ausgesprochen. Das ist nicht das erste Mal. Wie in der Vergangenheit auch erwartet der Ortschef Streit mit der Denkmalpflegebehörde.

Wie ein Detektiv ist Freudenburgs Ortsbürgermeister Alois Zehren in den vergangenen Wochen in alte Akten eingetaucht, hat Bürger befragt und bei Gericht nachgeforscht. Sein Ziel: die 430 Jahre alte Geschichte des seit Jahrzehnten leerstehenden alten Freudenburger Amtsgebäudes im Ortskern zu erforschen. Doch Zehren will auch zeigen, dass der Abriss des Gebäudes der einzig zukunftsträchtige Weg für die Gemeinde ist. Die vielen Fakten, die er zusammengetragen hat, hat er den Ratsmitgliedern vor der jüngsten Sitzung des Gemeinderats schriftlich zukommen lassen. Die neuesten Erkenntnisse präsentiert er dort mündlich.

Abrissdiskussion 60 Jahre alt Demnach war der Abbruch bereits 1958 Thema. Damals wurde der Kanal im alten Ortskern, über dem sich das im 17. Jahrhundert erneuerte Gebäude befindet, saniert. Der Ortschef zitiert den ehemaligen Bauunternehmer Alfons Junk (89) aus Freudenburg mit den Worten: „Schon damals wurde darüber gesprochen, im Zuge dieser Arbeiten das marode Gebäude abzureißen. Woran das gescheitert ist, kann ich heute nicht mehr sagen. Dass das Gebäude mehr als 60 Jahre später immer noch dort steht – in einem jämmerlichen Zustand – ist für mich unverständlich.“

Erster Ratsbeschluss zum Abriss 50 Jahre alt 1861 erwarb die Gemeinde das damalige Hofgut erstmals und baute es zu Verwaltungszwecken um. Laut Zehrens jüngsten Recherchen beschloss der Ortsgemeinderat fast 100 Jahre später – und zwar 1968 – den Abriss des „sehr schlichten Neubaus des 18. Jahrhunderts“. Die Denkmalpflege war nicht einverstanden. Die Sache wurde vor dem Kreisrechtsausschuss verhandelt. Die Gemeinde unterlag und hat wohl vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) geklagt. Ergebnis: unbekannt. Zehren teilt mit: „Weder die Verbandsgemeinde noch das Archiv des OVG in Koblenz konnten mir hier auf mehrfache Nachfragen hin weiterhelfen.“ In einem Schreiben von 1974 findet Zehren dafür eine Berechnung, in der erstmals festgestellt wird, dass das negative Verhältnis zwischen Mietvertrag nach einer Sanierung einerseits und Schuldendienst sowie Erhaltungsaufwand andererseits „für die Gemeinde Freudenburg nicht mehr tragbar ist.“

Acht Besitzer finden keine Lösung 1982 wird das alte Amtshaus unter Denkmalschutz gestellt, was laut Ortsbürgermeister wissenschaftlich, künstlerisch und städtebaulich begründet wird. In demselben Jahr trennt sich die Gemeinde von dem historischen Bau. Acht Besitzer, vor allem Firmen aus dem Saarland, listet Zehren für die folgenden 37 Jahre auf. Sie wollten das Amtshaus mal zum Hotel umbauen, mal Wohnungen dort einrichten. Doch sie seien allesamt an den Vorgaben der Denkmalpflege gescheitert, führt der Ortschef aus. Die Ortsgemeinde kauft das Haus 2019 wieder, damit es nicht einfach weiter verfällt.

Einsturzgefahr? Auch die Bauakte hat Zehren sich angeschaut. 2012 wird dort angemerkt, dass die Standsicherheit des rechten Giebels nicht mehr gewährleistet ist. Beim Einsturz wäre die benachbarte Trauerhalle gefährdet. „Es besteht eine konkrete Gefahr für die öffentliche Sicherheit“, heißt es damals. Ein Ingenieurbüro bestätigt die statische Beurteilung 2013 und verlangt eine Absicherung, die noch heute angebracht ist, aber später offensichtlich nicht mehr, wie verlangt, überprüft wurde. Zehren geht davon aus, dass sich die Standsicherheit des Giebels weiter verschlechtert hat und dringender Handlungsbedarf besteht.

Das sagt die Denkmalpflegebehörde Der Freudenburger Ortsbürgermeister berichtet, dass die Denkmalpflegebehörde nach ersten Gesprächen immer noch der Meinung sei, dass das baufällige Amtshaus unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten aufgebaut werden könne. Eine Abrissgenehmigung sei deshalb nicht zu erwarten.

Mit Hinweis auf einen Planentwurf von 2016 von einer Perler Firma schätzt Zehren die Kosten für einen Wiederaufbau heute ganz grob auf mindestens 1,5 Millionen Euro. Sein Fazit: „Es ist der Ortsgemeinde Freudenburg nicht zumutbar, die wirtschaftliche Belastung durch Erhaltungs- oder gar Investitionskosten zu tragen.“ Diese Summen könnten dauerhaft nicht durch Erträge oder den Gebrauchswert aufgewogen werden.

Paradoxerweise sieht der Freudenburger das Denkmalschutzgesetz auf seiner Seite. Dort heißt es, dass Eigentümer von Kulturdenkmälern verpflichtet sind, diese Denkmäler „im Rahmen des Zumutbaren“ zu erhalten. In diesem Punkt verweist Zehren auf ein Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts. Dort heißt es: „Eine den Eigentümer unverhältnismäßig belastende Erhaltungspflicht ist rechtswidrig.“ Die Grenze der Zumutbarkeit sei erreicht, wenn selbst ein dem Denkmalschutz aufgeschlossener Eigentümer von dem Baudenkmal keinen vernünftigen Gebrauch machen und es auch nicht verkaufen könne.

Zukunftsvorstellungen Zur Frage, was nach einem Abriss auf dem Gelände der alten Bürgermeisterei passieren soll, hat der Rat laut Zehren klare Vorstellungen. Die 14 Zuhörer der Ratssitzung bekamen diese aber nicht zu hören, da der Ortschef die Diskussion darüber in den nichtöffentlichen Teil der Sitzung verlegt hatte. Seine Begründung dafür: Es gehe um schutzwürdige Interessen der Gemeinde in einem zu erwartenden rechtlichen Verfahren. Sprich: Zehren befürchtet, dass es zu einem Rechtsstreit mit der Denkmalpflegebehörde kommen könnte, und will für diesen Fall die Verhandlungsposition der Gemeinde nicht schwächen.

Die Beschlüsse Ohne Diskussion trifft der Rat drei Entscheidungen zum alten Amtshaus. Die wichtigste: Er beschließt, eine denkmalrechtliche Genehmigung für den Abriss des Hauptgebäudes zu beantragen. Für den Ortschef ist dies das klare Signal, dass der Rat das seit 60 Jahren andauernde Hin und Her um den Bau nicht mehr mitmacht und die Hoheit über Gebiet und Gebäude haben will – notfalls per Gerichtsentscheid. Der Rat beschließt außerdem, den einst ans Haus angebauten und zusammengefallenen Schuppen für 8400 Euro abreißen zu lassen. Zudem beschließt er, das Gebäude für 1600 Euro nach Vorschlägen der Verwaltung zu sichern. So sollen ein Bauzaun aufgestellt und Türen und Fenster verschlossen werden, damit Unbefugte nicht eindringen können.