Geschichte oder Legende?

KONZ. Von den einen wurde er als ein Gott verehrt, die anderen sahen in ihm nichts anderes als einen großen Kriminellen. Vor 1700 Jahren wurde Kaiser Konstantin der Große von seinem Heer zum Nachfolger seines Vaters ernannt. Dieses Jubiläum war der Anlass eines Doppelvortrages in der Stadtbibliothek Konz über den umstrittenen Herrscher.

Um Konstantin den Großen und dessen Mutter Helena ranken sich viele Mythen und Legenden. Eine dieser Legenden erzählt die Schrift "Historie über Herkunft und Jugend Constantins des Großen und seine Mutter Helena" aus der Feder eines unbekannt gebliebenen mittelalterlichen Verfassers, die Paul Dräger 2005 herausgegeben, übersetzt und kommentiert hat. Drägers Einführung in die von Gewalt und Verbrechen strotzende Geschichte war der Vorgänger zu Alexander Demandts Vortrag "Konstantin der Große in Geschichte und Legende" in der Konzer Stadtbibliothek. Der international renommierte und aus dem Fernsehen bekannte Althistoriker, der bis zu seiner Emeritierung an der Freien Universität Berlin lehrte, warf einen genauen Blick auf die historischen Ereignisse im Zusammenhang mit dem römischen Machthaber. Im Zentrum Demandts kritischer Prüfung stand die Frage, welche Rolle die christliche Religion für den römischen Kaiser gespielt haben könnte. Basierte Konstantins Bekenntnis zur christlichen Religion auf echter Überzeugung, oder war Christus nach seinem Verständnis nur eine Ersatzfigur für einen Sonnengott? War Christus für den Kaiser damit vielleicht nichts anderes als ein Schlachtenhelfer im Kampf um Autorität und Machterhalt? Überhaupt fällt es schwer, zu einem Mann, der seine Verwandten ermordete und seine Feinde den Bären vorwarf, unvoreingenommen Stellung zu beziehen. "War Konstantin ein Christ oder ein Machtmensch? War er ein Fanatiker oder ein Opportunist?" Diese Fragen mag jeder für sich entscheiden. Moralisch schwer zu fassen

Fest steht aber, dass eine Person, die solch kontroverse Debatten auslöst, zweifellos zu den Figuren der Geschichte gehört, die moralisch schwer zu fassen und nur historisch zu beschreiben sind, resümiert Demandt. Am Ende des Vortages blieben noch viele strittige Fragen offen, die das engagierte Publikum zum Anlass einer regen Diskussion mit den beiden Experten nahm. Dabei ließ sich zwar keine eindeutige Antwort finden, aber es wurde schnell klar, dass man mit einer Kategorisierung der widersprüchlichen Persönlichkeit Konstantins kaum gerecht wird.