Getragenes umzuarbeiten ist ihr Hauptgeschäft

Getragenes umzuarbeiten ist ihr Hauptgeschäft

Ein Kürschner ist ein Handwerker, der Tierfelle zu Pelzbekleidung und anderen Pelzprodukten verarbeitet. Pelze Miers in Hermeskeil ist nach Angaben der Trierer Handwerkskammer der einzige Kürschner-Betrieb in ihrem Bezirk.

Hermeskeil. Die knifflige Arbeit als Kürschner erfordert viel Fingerspitzengefühl. Die teils nur einen Zentimeter breiten Fellstreifen werden wie Puzzleteile zusammengefügt und kunstvoll vernäht. Für die dabei angewandten optisch wirkungsvollen Techniken braucht es akkurat zurechtgeschnittenes Material, vor allem aber Geschick und Geduld. Die Kürschner Jörg und Marlies Miers verfügen über beides.
Sie haben laut Handwerkskammer Trier den einzigen Kürschner-Betrieb, der im Kammer-Bezirk gemeldet ist. "Es ist ein interessanter Beruf", sagt Jörg Miers nach 44 Jahren im Job und 36 Jahren in der Stadt Hermeskeil. Als Sohn eines Kürschners ist er aufgewachsen mit dem Handwerk. Miers: "Es fehlt einem was, wenn man mal drei Tage nicht in der Werkstatt ist." Marlies Miers, die 1973 in die Lehre ging, liebt es, sich "kreativ austoben" zu können. Dabei verlassen nur selten neue Kleidungsstücke das Haus.Modelle von Modeschöpfern


Das Kürschnerpaar ist zu 90 Prozent damit beschäftigt, Getragenes auszubessern oder umzuarbeiten. Qualitativ reicht die Bandbreite vom zerschlissenen Liebhaberstück, das nur aufgepeppt wird, wenn es noch lohnt, bis zu Modellen namhafter französischer Modeschöpfer. Oft sind es Erbstücke, die dem Paar anvertraut werden: der Persianer der Oma, das Pelzjäckchen der Tante oder auch Mützen.
Dabei fällt dann nicht selten der Satz: "Ich hätte mir ja nie einen Pelzmantel gekauft ... " Manche Stücke sind nur zu ändern, andere werden modisch auf den neuesten Stand gebracht. Dafür werden sie komplett in ihre Einzelteile, die neu zugeschnitten werden, zerlegt. Selbst 50 Jahre sind kein Alter für Pelzkleidung. "Das ist eine Anschaffung fürs Leben", sagen die Kürschner und sind froh, dass auch jüngere Leute gerne Pelz tragen.
Ein wichtiger Arbeitsschritt ist das Glattspannen und "Zwecken" von Fellteilen, die mit eingeklopften Nägeln an die Werkbank geheftet werden. Die Löcher, die dadurch im Fell entstehen, verschwinden später von selbst - eine Besonderheit des Naturmaterials.
Zusammengefügt werden die Teile an einer speziellen Einfaden-Blindstich-Nähmaschine. Und zwar mit sogenannten überwendlichen Nähten, für die die Nähnadel nicht rauf und runter, sondern horizontal vor und zurück saust.Maschinen aus der Eifel


Die eigens für Kürschner konstruierten Maschinen entwickelte um 1800 ein Eifeler: Balthasar Krems aus Mayen. Sein Modell ist bis heute nahezu unverändert. Typisch für die Handwerkstechnik sind zudem "Auslassarbeiten": schmale Fellbahnen werden längsseits, jeweils um einige Millimeter versetzt, vernäht. Auf der Pelzseite entstehen so verblüffende Effekte, die sich mit dazwischen eingearbeiteten Lederstreifen unendlich variieren lassen.
Pelzfreunde beeindruckt aber nicht nur die Patchwork-Technik, sondern vor allem das Material selbst. Ihre Kunden, darunter eine Frau vom Bodensee, wollten "etwas Leichtes und Weiches und trotzdem Wärmendes", sagt Jörg Miers, der auch Pelze reinigt.
Wie seine Frau, die er als Lehrling seines saarländischen Arbeitgebers kennenlernte, liebt er seinen Beruf, der beide oft länger in der Werkstatt hält. Jörg Miers: "Wir gucken nicht auf die Uhr." Den Nutzen davon haben ihre Kunden. Denn die tatsächlichen Arbeitsstunden könne keiner bezahlen.Extra

Helmut Knieriemen vom Zentralverband des Handwerks, der seinen Sitz in Kaiserslautern hat, geht von deutschlandweit noch etwa 1000 Kürschner-Betrieben aus. Vor 15 Jahren waren es noch um die 2000. In Rheinland-Pfalz gebe es vielleicht noch 20 bis 25. Darunter Betriebe in Koblenz und Mainz. Da nicht alle Mitglied sind, kann auch er nur schätzen. "Die Deutschen Kürschner-Innungen" begründen den Rückgang mit dem Siegeszug der Freizeitkleidung und einem Umdenken in der Einstellung zu Pelztierzucht und -farmen. Auf den Nachkriegsboom Mitte des vorigen Jahrhunderts folgten ab den 1980er Jahren Proteste von Tierschützern. Die Folge waren strengere Gesetze und Vorgaben wie für Zuchttierfarmen. Und das nicht nur in Deutschland, wo Kürschnerei seit 2004 ein zulassungsfreies Handwerk ist, das auch Gesellen Betriebsführungen erlaubt. urs

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