Glaube im Alltag

Es war auf dem Kirchentag 2011 in Dresden. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, prangerte deutsche Rüstungsexporte an - in aller Deutlichkeit und Freiheit ohne irgendein kirchenleitendes Amt.

Die überfüllte Halle applaudierte. Später erklärte Käßmann in einem Interview, man solle besser mit den Taliban in Afghanistan beten, als sie zu bombardieren. Das rief Verteidigungsminister Thomas de Maizière auf den Plan, der selbst ein aufrechter Christ ist. Er entgegnete leicht genervt: Beten ersetzt keine praktische und verantwortungsvolle Politik. Käßmann wurde in der Folge als Gutmensch bezeichnet, was sie wiederum für weitere Einlassungen über Krieg und Frieden in der Öffentlichkeit nutzte. Der Prophet Amos sagt im Alten Testament: "Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr leben könnt." (Amos 5,14) Für mich macht die eben erzählte Episode mit Blick auf den Spruch von Amos deutlich: Zum einen würde wohl jeder der Bibel recht geben. Ja, natürlich sollen wir das Gute suchen, und es gibt auch wenige Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, mit ihrem Handeln Böses zu verfolgen. Zum anderen wird für mich deutlich, wie wenig damit gewonnen ist und wie unkonkret das Gute bleibt. Auch mit den Zehn Geboten sind wir irgendwann auf uns zurückgeworfen - nämlich dann, wenn Gut gegen Gut steht. Gibt\'s da keinen Ausweg? Martin Luther vertrat die Auffassung, dass Gott im Gewissen wirkt. Also wollen wir hoffen, dass Gott unsere Gewissen schärfen möge, immer dann, wenn wir eine Güterabwägung zu treffen haben. Pfarrer Christoph Urban, Trier

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