Glaube im Alltag

"Was macht man als Evangelischer eigentlich bei einer urkatholischen Sache wie der Heilig-Rock-Wallfahrt?", werde ich öfter gefragt. Oder anders herum: "Ist dir der katholische Rock mit einem Mal näher als dein evangelisches Hemd?" Da genehmige ich mir gern einen genaueren Blick auf die Dinge.

Also auf das, was drin steckt: Jesus Christus. Das macht gerade in diesen Tagen besonders viel Sinn, auch wenn der Heilige Rock noch nicht ausgestellt ist. Der Rock wird nämlich auch als das letzte Hemd Jesu bezeichnet. Also das, was er am Kreuz getragen haben soll. Ganz gleich, ob das nun historisch ist oder nicht: der Heilige Rock ist auch ein Symbol für Jesu Leben und Sterben. Die Bibel beschreibt die letzten Stunden Jesu - also Gründonnerstag und Karfreitag - besonders ausführlich. Jesus hält mit seinen Jüngern das Abschiedsmahl. Mit denen, die ihm all die Jahre nachgefolgt sind und mit ihm gelebt haben. Dann kommt der Tag des Todes. Der Nazarener stirbt auf grausame Weise. Die Evangelien sind sich sicher, dass hier nicht nur ein Mensch dorthin geht, wo es richtig wehtut. Sie betonen, dass der menschliche Gott am Kreuz von Golgatha stirbt und so alle Schuld vergibt. Mit einem Mal ist Schluss mit aller Schuld, die oft genug an einem zehrt. Vergeben ist die Feigheit des Petrus, der in der Nacht der Verhaftung Jesu nichts mehr von ihm wissen will. Es ist Schluss mit der politischen Hinhaltetaktik des Pontius Pilatus, der Jesus statt eines Verbrechers kreuzigen lässt. Und es ist auch Schluss mit Feigheit, Lüge, Verrat und Unentschlossenheit. Für mich ist das eine befreiende Erfahrung. Das macht der Blick auf das letzte Hemd Jesu deutlich. Rock oder Hemd? Mir ist das gleich, solange es um den Inhalt geht. Und der hat wahrhaftig ökumenische Dimension. Jörg Weber ist Pfarrer in Trier.