Gratwanderung zwischen Touristenattraktion und Schutzgebiet im Nationalpark

Gratwanderung zwischen Touristenattraktion und Schutzgebiet im Nationalpark

Wie kommt man hin? Was kann man erleben? Wie macht sich der Nationalpark bekannt? Das sind nur drei von vielen schwierigen Fragen im Zusammenhang mit dem ersten großen Schutzgebiet in Rheinland-Pfalz. Es ist keine leichte Aufgabe - und ist ein sehr langwieriger Prozess.

Es ist eine Gratwanderung, die das Nationalparkamt in Birkenfeld permanent leisten muss. Denn einerseits soll das 2015 eingerichtete Schutzgebiet - immerhin der erste Nationalpark in Rheinland-Pfalz - die Umwelt nach und nach in ihren Urzustand zurückversetzen. Andererseits soll der Nationalpark auch Touristen in die strukturell eher schwache Hunsrückregion locken.
Das war 2015 das Hauptargument, um die Einrichtung des Schutzgebietes in den betroffenen Kommunen durchzusetzen. Der Nationalpark soll mit dem benachbarten Naturpark Saar-Hunsrück und seinen vielen Wanderwegen die Region beleben. Das Attribut "Nationalpark" soll die Vermarktung der Region zudem erleichtern. Und darüberhinaus wurde den Kommunen eine Verbesserung der Infrastruktur - in Hinblick auf Öffentlichen Personennahverkehr und das Mobilfunknetz - versprochen.
Manche dieser Ziele sind bereits in Sicht, andere jedoch noch nicht. Das zeigt der Überblick.

Verkehrsanbindung Hier gab es einen herben Rückschlag, als eine Mobilitätsstudie von den politischen Gremien kontrovers diskutiert wurde. 2015 hatte ein Dortmunder Planungsbüro im Auftrag der Landesregierung eine 130 Seiten lange und 60 000 Euro teure Studie vorgelegt. Sie sah zwei zusätzliche Nationalparkbuslinien vor, mit denen die Ferienparks wie etwa Landal, Center Parc, Himmelberg und Hambachtal angeschlossen werden sollten. Damals wurden Kosten von 500 000 bis 900 000 Euro vorgerechnet. Kritiker forderten jedoch einen zusätzlichen Ringverkehr zwischen den Nationalparkbahnen. Die Wiederaktivierung der Hunsrückbahn wurde damals im Rahmen der Studie als nicht rentabel erachtet. Der Verein IG Nationalparkbahn setzt sich allerdings genau dafür ein und hat ein Konzept entwickelt, das einen Ausflugsbahnverkehr entlang des Nationalparks vorsieht (TV von Donnerstag). Auch die Konzentration der Mobilitätsstudie auf den Knotenpunkt Idar-Oberstein war ein Ansatz, den nicht alle Kommunen teilen wollten. Unterdessen ist eine Buslinie zwischen Trier und dem Erbeskopf eingerichtet worden: Die Linie 328, der "Erbeskopfbus". Beim Ausbau des Mobilfunknetzes laufen erste Gespräche.

Barrierefreiheit Die Inklusion benachteiligter Menschen war bei der Gründung des Nationalparks ein erklärtes Ziel der Politik. Dem ist man inzwischen auch näher gekommen. Es werden rollstuhl- und kinderwagentaugliche Rangertouren angeboten. Es gibt zudem eine Tour in Gebärdensprache und eine Broschüre in leichter Sprache. Ein spezieller Besuchersteg wurde für Rollstuhlfahrer bei Muhl/Thranenweiher eingerichtet. Das Nationalparkamt hält außerdem elektrische Zuggeräte bereit, um Rollstühle ins Gelände zu ziehen.

Marketing Mit Eröffnung des Nationalparks wurde auch ein offizielles Logo eingeführt. Die Keltenkatze weist auf den historischen Hintergrund, die Keltenzeit, und auf das Symboltier, die Wildkatze hin. Mittlerweile gibt es diverse mit dem Logo versehene Produkte, die damit auch zertifiziert sind: unter anderem Nationalparkkaffee, Schmuck und sogar ein eigenes Bier.
Initiativen, die regionale Produkte bewerben und verkaufen, arbeiten mit dem Nationalpark zusammen. So gibt es zum Beispiel im Hunsrückhaus am Erbeskopf Produkte der Initiative "Ebbes von hei". Gästehäuser, Pensionen und Hotels, die das Logo tragen wollen, müssen strenge Ökostandards erfüllen. Wie Tourismus-Experten bestätigten, wirkt sich das positiv auf die Nachfrage aus. Regionalität, Qualität und Naturschutz sind dabei die entscheidenden Kriterien.

Touristische Aktivitäten Die Rangerwanderungen und viele weitere Angebote kommen offenbar gut an. Das bestätigt der Thalfanger Tourismus-Chef Daniel Thiel, der einen Besucherzuwachs am Hunsrückhaus bestätigt. Neben Tagestouristen würden auch viele Schulklassen das Bildungsangebot annehmen. Die Rangerwanderungen sind nur eine der vielen Angebote am Erbeskopf, von dem der Tourismus in Thalfang profitiert, sagt Daniel Thiel. Die Zahl der Tagestouristen sei ebenso gestiegen wie die Zahl der Besucher, die mit dem Wohnmobil an den Erbeskopf kommen. Ein Wegeplan im Schutzgebiet soll nächstes Jahr vorgestellt werden. Dann wird der Besuch des Schutzgebietes für Wanderer einfacher werden. Dafür musste zuvor eine Bestandsaufnahme des Wegenetzes gemacht werden. Auch die Parkplätze sind erfasst und sollen in Zukunft besser präsentiert werden, möglicherweise in einer einheitlichen Beschilderung.

Wissenschaft und Bildung Die Einrichtung eines Nationalparks ist ein längerer Prozess. Bis die Natur sich wieder in ihren Urzustand zurückentwickelt hat, können Jahrzehnte vergehen.
Umso wichtiger ist die Bestandsaufnahme zum Zeitpunkt der Gründung des Parks. Diese Arbeiten sind weit vorangeschritten, wie Harald Egidi, Leiter des Nationalparkamtes, bestätigt. Über 600 Haarproben der Wildkatze habe man gesammelt, die nun gentechnisch erfasst werden. Auch der Rotwildbestand wird erfasst. Die Moore, die sogenannten Hangbrücher östlich von Morbach, werden schrittweise renaturiert.
Im November soll eine weitere Fortbildung für Erzieher und Lehrer geboten werden. Außerdem gibt es Schulklassen- und Ferienangebote.KommentarMeinung

Komplexes Langzeit-Projekt
Bei der Gründung des Nationalparks 2015 war das Thema in aller Munde, nun hat sich jedoch eine gewisse Normalität eingestellt. Es gibt häufig Kritik daran, dass bestimmte Projekte nicht so rasch fortschreiten, wie man es sich wünscht. An der einen Stelle fehlt noch der LTE-Empfang, an der anderen wünschen sich Poltiker zum Beispiel ein einheitliches Erscheinungsbild von Wanderparkplätzen. Vor kurzem wurde seitens der Politik gar eine Gestaltungssatzung gefordert, um eine umweltgerechte Baukultur in den Ortschaften um das Schutzgebiet zu entwickeln. Es zeigt sich, dass das Wort "Nationalpark" enorme Begehrlichkeiten weckt, die kaum in kurzer Zeit vollständig befriedigt werden können. Aber so einfach ist das nicht, denn dafür sind zu viele Akteure beteiligt. Es ist vielmehr wie auf einer Baustelle, in der viele Gewerke ineinander greifen müssen. Und da kann das eine Gewerk das andere schon mal hängen lassen, ebenso wie sich Planungen im Laufe der Zeit ändern können. Der Park ist eben ein komplexes Langzeit-Projekt, das sich über einen jahrzehntelangen Zeitraum entwickelt. Deshalb muss man einerseits Geduld haben, andererseits aber auch die Prioritätenliste immer wieder prüfen und gegebenenfalls neu justieren. hp.linz@volksfreund.deExtra: DIE LAGE DES NATIONALPARKS


Das Schutzgebiet hat eine Fläche von 10 000 Hektar im Bereich der westlichen Höhenlagen des Hunsrücks und befindet sich m Bereich des Idarwalds und des Schwarzwälder Hochwalds. 980 Hektar dieser Fläche liegen im Saarland innerhalb der Gemeinden Nohfelden und Nonnweiler. Laut Nationalparkgesetz sollen 75 Prozent der Fäche des Nationalparks ihrer natürlichen Entwicklung überlassen werden. Das Ziel ist es, innerhalb von 30 Jahren eine ursprüngliche Wildnis zu schaffen. Umgeben ist diese Naturzone von einer sogenannten Pflegezone, díe das Gebiet vor negativen Einflüssen wie zum Beispiel Insektenbefall schützen soll. Das Gebiet des Nationalparks erstreckt sich über Teile der Verbandsgemeinden Hermeskeil, Thalfang, Birkenfeld, Herrstein, der Einheitsgemeinde Morbach, Nonnweiler und Nohfelden (beide Saarland). Im Schutzgebiet gibt es vier Ortschaften: Börfink, Muhl, Thranenweier und Abentheuer. Das Nationalparkamt in Birkenfeld ist für das Schutzgebiet zuständig.