Großstadt ohne Augennotarzt

Unzufriedene Patienten und Doktoren: Der augenärztliche Notdienst in Stadt und Landkreis ist nicht optimal geregelt. So wurde die kleine Lisa mit einem geschwollenen Auge von den Trierer Krankenhäusern zunächst an einen niedergelassenen Augenarzt im Landkreis verwiesen - um schließlich doch im Brüderkrankenhaus behandelt zu werden.

Klein, schwarz und fest war der Fremdkörper, der beim Spielen im Garten an einem Samstagabend im Juni plötzlich in Lisas Auge festsaß. Erst versuchten die Eltern der Sechsjährigen, das Auge selbst auszuspülen. "Was aber nicht funktionierte", erzählt Mutter Claudia Thome aus Trier. "Wir dachten deshalb, das Brü-derkrankenhaus mit seinem Notfallzentrum oder das Mutterhaus mit seiner Kinderabteilung könnten helfen."
Doch der augenärztliche Notdienst in Trier und im Landkreis Trier-Saarburg wird von der Kassenärztlichen Vereinigung organisiert, die auch die niedergelassenen Augenärzte einbindet. Zweidrittel der Notdienste übernimmt das Brüderkrankenhaus, die restlichen Tage übernehmen die niedergelassenen Augenärzte in Stadt und Kreis. So auch an dem Samstag, an dem Lisas Auge tränte und schmerzte. Brüderkrankenhaus, das Mutterhaus mit seiner Kinderstation und auch das Elisabethkrankenhaus verwiesen die Familie Thome an den diensthabenden niedergelassenen Arzt im Landkreis - 30 Kilometer entfernt von Trier.
Zuständigkeiten unklar


Auch der Anruf bei dem Augenarzt verlief anders, als sich die Eltern das gedacht hatten: "Er wies uns barsch ab, wir sollten das Auge selbst spülen, viel mehr könne er auch nicht machen. Und wenn das Spülen nicht funktioniere, könne er uns auch nur in ein Krankenhaus überweisen", erzählt Thome.
"Wir hätten also 30 Kilometer zur Praxis fahren müssen, um uns dort eine Überweisung in ein Trierer Krankenhaus abzuholen - das kann ja wohl nicht wahr sein! In einer Großstadt, die Trier ja nun mal ist, muss es doch zumindest für Kinder einen Augennotarzt geben."
Der niedergelassene Arzt schildert den Anruf anders: "Ich habe der Mutter zwar Tipps zur Soforthilfe und zum Spülen gegeben - aber ich habe natürlich auch gesagt, dass sie gerne vorbeikommen kann." Richtig sei aber auch, dass es bei zappeligen kleinen Kindern manchmal ohne eine Kurznarkose nicht möglich sei, Fremdkörper aus einem Augen zu entfernen. "Und für eine Narkose hätte das Mädchen dann tatsächlich in ein Krankenhaus gemusst."
Die Thomes wandten sich erneut an die Trierer Krankenhäuser. "Ein nochmaliges Verweisen an den augenärztlichen Notdienst wäre unseres Erachtens nicht verantwortbar gewesen", erklärt das Brüderkrankenhaus auf TV-Anfrage, warum es Lisa dann doch behandelt hat.
Generell sei das Brüderkrankenhaus allerdings "gemäß Vereinbarung mit der Kassenärztlichen Vereinigung verpflichtet, Patienten an den augenärztlichen Notdienst zu verweisen". Lisa habe man daher nur "im Bewusstsein einer Abweichung von der geltenden Notdienstregelung" vom eigenen diensthabenden Augenarzt in der Klinik behandeln lassen.
Über die oft nicht ganz klaren Zuständigkeiten und die weiten Fahrten durch den gesamten Landkreis, die den Patienten zugemutet werden, ärgern sich auch einige niedergelassene Augenärzte. "Ich könnte gut auf den Notdienst verzichten", erklärt ein Augenarzt mit Praxis im Kreisgebiet. Schließlich müsse man als niedergelassener Arzt auch nach einem anstrengenden Notdienst wieder in der Praxis stehen, während Krankenhausärzte dann häufig frei hätten. "Und viele Patienten sind sehr unzufrieden, wenn sie - insbesondere mit Kindern - weite Strecken quer durchs Kreisgebiet bis zum Notdienst in Kauf nehmen müssen."
Der jeweils zuständige Augennotarzt ist rund um die Uhr unter der einheitlichen Telefonnummer 01805-798999 zu erreichen.
Wer sich wegen einesakuten medizinischen Problems mit den Augen nicht selbst hinters Steuer setzen kann, um zum Augennotarzt zu fahren, oder wer nicht über ein Auto verfügt, hat keinen Anspruch darauf, dass die Krankenkasse eine Taxifahrt zur diensthabenden Praxis oder ins Krankenhaus bezahlt. Nur bei echten Notfällen oder Unfällen kann ein Krankenwagen gerufen werden, dessen Fahrt die Krankenkassen übernehmen. "Aber ein gerötetes oder geschwollenes Auge ist kein solcher Notfall", erklärt Oliver Dieter, Pressesprecher der Techniker Krankenkasse (TK). "In solchen Fällen muss man sich die Fahrt zur ambulanten Behandlung selbst organisieren oder das Taxi aus eigener Tasche zahlen." Oliver Kirsch, Sprecher der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Trier, bestätigt: "Eine Rettungsfahrt ist nur bei echten Notfällen möglich, zum Beispiel wenn beim Schweißen ein Metallsplitter ins Auge gerät." Bei privaten Krankenkassen hängt es von den individuellen Vertragsvereinbarungen ab, ob eine Taxifahrt zum Notdienst bezahlt wird oder nicht. Eine Taxifahrt zwischen Trier und Hermeskeil (rund 35 Kilometer) kostet rund 55 Euro. Wartet das Taxi, werden pro Stunde weitere 21 Euro fällig. woc

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