Gutachter hält Kränkung für Motiv für versuchten Mord in Taben-Rodt

Gericht : Fall von Taben-Rodt: Kränkung als Motiv für Mordversuch?

Der Mann, der in Taben-Rodt seine Ex-Geliebte in Tötungsabsicht angefahren haben soll, ist aus Sicht eines Gutachters schuldfähig. Er sei weder Psychopath noch körperlich beeinträchtigt, habe aber eine narzisstische Störung.

Der psychiatrische Sachverständige hat am Mittwoch das Wort. Fast zweieinhalb Stunden beschäftigt sich Harald Lang in dem Prozess um den mutmaßlichen Mordversuch von Taben-Rodt mit der Persönlichkeit des 44-jährigen Angeklagten. Der Mann soll seine ehemalige Geliebte in Tötungsabsicht mit dem Auto angefahren haben. Der Sachverständige soll nun prüfen, ob der Mann im juristischen Sinne schuldfähig ist. Bei der Verhandlung bezieht er sich auf sein vorläufiges schriftliches Gutachten, das auf zwei insgesamt viereinhalb-stündigen Gesprächen und Erkenntnissen anderer Untersuchungen beruht. Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: Der Mann ist weder schuldunfähig noch vermindert schuldfähig. Dafür gibt es weder organische noch psychische Gründe aus Sicht des Experten. Somit könnte er, sollte er verurteilt werden, seine Strafe auch im Gefängnis abbüßen und müsste nicht in einer Klinik untergebracht werden.

Seine Ausführungen beginnt der Experte mit relevanten Stationen aus der Biografie des Angeklagten: Der Mann habe eine gute Beziehung zu seinem Vater gehabt. Dieser sei aber mit 55 Jahren an Krebs gestorben, als der Saarländer 15 war. Mit der Mutter habe er „erhebliche Probleme“ gehabt. Sie habe ihren Sohn unter anderem mit einem Kochlöffel verprügelt, bis dieser zersprungen sei. Er habe immer als „Malheurchen“ gegolten, als ungewolltes Kind. Seine Schwester sei 13 Jahre älter, er ein Nachzügler. Auch in der Schule sei er Repressalien durch andere Kinder ausgesetzt gewesen, sagt der Psychiater über den Angeklagten. Nach seiner Lehre als Heizungs- und Lüftungstechniker und im Beruf sei es dann aufwärts gegangen mit dem Selbstwertgefühl.

Der Mann habe niemals Drogen genommen, selten Alkohol getrunken und noch seltener Zigaretten geraucht. Vor Mitte 2018 seien bei ihm keine psychiatrisch relevanten Erkrankungen festgestellt worden. Erst nachdem seine Geliebte, mit der er parallel zu einer langjährigen Lebenspartnerschaft eine langjährige Beziehung geführt hat, sich von ihm getrennt habe, habe es Auffälligkeiten gegeben: Schlaflosigkeit und eine depressive Anpassungsstörung seien diagnostiziert worden. Einen Hinweis auf eine juristisch relevante Persönlichkeitsstörung gebe es jedoch nicht. Er halte den Mann nicht für einen Psychopathen mit mangelhaftem Einfühlungsvermögen. Aber der Angeklagte habe eine „egomanische“ oder „narzisstische Haltung“.

Dass der Mann sich auf Gedächtnislücken beruft, erklärt der Sachverständige mit der hohen Strafandrohung. Auf Nachfrage von Verteidiger Andreas Ammer erklärt Lang, dass sehr negative Konsequenzen häufig zu Gedächtnislücken führten. Der Angeklagte habe zum Beispiel angesichts der zu erwartenden Strafe wegen versuchten Mordes eine „selektive Gedächtnis­störung“ für die Zeit der potenziellen Tatausführung, erinnere sich aber an Geschehnisse unmittelbar davor oder danach. Auf die Frage von Verteidiger Ammer hin, ob die Gedächtnislücken vorgetäuscht seien, sagt der Experte, dass es sich um einen Verdrängungsmechanismus handele. Auch die vom Angeklagten angeführten Schlafstörungen hält der Psychiater für eine „zwanghafte Beschäftigung“. Der Mann habe sie als krasser empfunden, als sie gewesen seien.

Zur möglichen Motivation der Tat spekuliert Lang nur, dass es eher keine Eifersucht gewesen sei, sondern Kränkung wegen der Trennung. „Durch Kränkung wird aus Liebe Hass“, beruft er sich auf den österreichischen Psychiater Reinhard Haller. „Alle Symptome wurzeln in dieser Kränkung.“ Auf Nachfrage von Ammer, dass der Angeklagte ja eigentlich nicht zu Aggressionen neige, sagt Lang: „Er hält sich da sehr bedeckt, maskiert sich ein Stück weit.“ Die Aggression schwele im Inneren und werde nicht nach draußen transportiert.