Hermann Kettenhofen, Bezirksbeamter der Polizei Saarburg, im Ruhestand

Bezirksbeamter der Polizei Saarburg blickt zurück : Ermittler, Schlichter, Seelentröster

In 43 Jahren bei der Polizei hat Hermann Kettenhofen, zuletzt Bezirksbeamter in Saarburg, viel erlebt. Er war bei einer Geburt dabei und wurde nach Stuttgart beordert, als dort ein historischer Strafprozess lief.

Deutschland im Jahr 1977. Die Stimmung ist angespannt. Bis Ende April läuft der Prozess gegen die terroristische Vereinigung Rote Armee Fraktion (RAF) in Stuttgart. Aus Sicherheitsgründen wurde die Verhandlung ins Gefängnis Stammheim in eine fensterlose Mehrzweckhalle verlegt. Es geht um mehrfachen Mord.

Der damals 17-jährige Hermann Kettenhofen aus Freudenburg ist mit dabei, also fast. Heute erinnert er sich: „Ich hatte im Jahr zuvor meine Ausbildung bei der Polizei begonnen. Den Theorieteil hatte ich hinter mir. Zur Unterstützung der baden-württembergischen Polizei sind wir dann mit einigen Kollegen drei Monate in Stuttgart im Einsatz gewesen.“ Doch Kettenhofen bewachte nicht den Hochsicherheitstrakt, in dem die Terroristen untergebracht waren. Er lief mit anderen Polizisten „großflächig“ Streife durch die Stadt. Die Polizei wollte verstärkt Präsenz zeigen. Die Steckbriefe der gesuchten RAF-Mitglieder hatte Kettenhofen stets bei sich, ebenso eine Pistole und ein Maschinengewehr. Kettenhofen: „Das war damals nichts Ungewöhnliches.“ Generell seien die Leute auf der Straße ängstlich gewesen. Der Deutsche Herbst mit terroristischen Anschlägen folgte noch.

Heute sagt Kettenhofen: „Mit diesem Anfang war ich gleich so richtig drin.“ Er lacht, was er gerne macht, und ergänzt: „Es konnte nur noch ruhiger werden.“ Doch sei er stolz gewesen, dabei zu sein. Auch Abenteuerlust habe eine Rolle gespielt. Für ihn war es ein großer Schritt, zur Polizei zu gehen. Kettenhofen: „Ich habe meine Ausbildung in Enkenbach-Alsenborn im Landkreis Kaiserslautern angefangen. Mit dem Zug war das von Freudenburg aus eine Weltreise.“ Polizist zu werden, sei damals etwas Besonderes gewesen. Für ihn war es ein Traumberuf, der ihn hinaus in die Welt brachte und zugleich sicher war. „Such’ dir eine Arbeit, bei der du dich nicht so dreckig und müd’ machst wie ich“, hatte der Vater ihm geraten. Er hatte 40 Jahre beim Keramikhersteller Villeroy & Boch geschuftet.

Kettenhofen ist auch heute noch froh mit seiner Berufswahl. „Ich würde es wieder so machen“, sagt der 60-Jährige, der Ende März nach 43 Dienstjahren in Pension gegangen ist. Gearbeitet hat er unter anderem in Mainz, Trier-Ruwer, Schweich und seit 1984 in Saarburg. Den Großteil der Zeit hat er im Schichtdienst absolviert. Das bedeutete für ihn: Hektik pur, arbeiten in der Nacht und am Wochenende sowie viele Todesopfer bei Verkehrsunfällen. „All das hat man als Bezirksbeamter nicht“, sagt der Mann, der in den vergangenen 14 Jahren eben als solcher in Saarburg, Ayl, Trassem, Freudenburg, Fisch, Kirf, Mannebach, Palzem, Merzkirchen und Wincheringen im Einsatz war. Seine Aufgabe bestand vor allem darin, den Kontakt zu den Bürgern zu pflegen und Ansprechpartner und Berater bei Problemen zu sein. Der Vater zweier Kinder mit sportlicher Figur, weißen Haaren und kurzgeschorenem Bart sagt: „Ich habe bei Nachbarschaftsstreit oder privatem Knatsch oft den Schlichter gespielt. Das hat mir gut gefallen. Im Schichtdienst hat man keine Zeit für sowas.“

Auch Seelentröster sei er gewesen, ergänzt seine Ehefrau Rita, mit der er in Kirf lebt und die zum Gespräch mit dem TV kurz dazustößt. So habe er beispielsweise eine Frau oft besucht, die sich zu Hause verfolgt gefühlt habe. Häufig ist Kettenhofen Streife durch Saarburg gelaufen – in Zivil. Zuweilen hat er seine Kollegen bei Ermittlungen zu Körperverletzung, Ladendiebstahl oder häuslicher Gewalt unterstützt und Menschen vernommen.

„Ich habe viele lustige und auch traurige Sachen erlebt. Ich habe mit Professoren, einfachen Leuten und Stinkstiefeln zu tun gehabt“, sagt Kettenhofen. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm, wie er hautnah bei einer Geburt dabei war. Nach einem Notruf eilte er mit einem jungen Kollegen zusammen in ein Haus gleich um die Ecke bei der Saarburger Polizeiinspektion. Dort war eine schwangere Frau im Treppenhaus gefallen. „Als wir dorthin kamen, war es fünf vor zwölf.“ Der Kollege habe das Baby im Treppenhaus in Empfang genommen und die Nabelschnur gekappt. „Alle Achtung! Das war keine normale polizeiliche Tätigkeit“, kommentiert der Pensionär lachend.

Mit etwas Wehmut hat der dienst­älteste Polizist der Saarburger Inspektion seine Dienstzeit beendet. Über die Abschiedsfeier, die seine Kollegen organisiert haben, hat er sich besonders gefreut. Doch die kurze Zeit im Ruhestand hat er bereits genossen. Jeden Tag kann er sich nun seinem Hobby widmen und mit dem Rad fahren. Wenn er mit seiner Frau durch Saarburg spaziert – auf denselben Wegen wie bei der Streife – ist er ständig am Winken und bleibt immer mal wieder stehen, um mit den Leuten zu „quatschen“. „Das wird auch noch eine Weile so bleiben“, versichert er.

Seine Uniform – er hat sie in den Farben Grün, Braun und Blau getragen – hat der Pensionär abgegeben. Genauso wie seine Dienstwaffe. Die kam nur bei Wildunfällen zum Einsatz. „Gott sei Dank“, sagt Kettenhofen erleichtert.

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