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"Hier herrscht Ausverkaufsstimmung"

"Hier herrscht Ausverkaufsstimmung"

SAARBURG-BEURIG. Gedrückte Stimmung bei der Belegschaft und den Mitarbeitern von Tectro in Saarburg. Bis gestern war das noch ausstehende halbe September-Gehalt der Angestellten und Mitarbeiter nicht bezahlt worden. Dabei hatte die Geschäftsführung zugesagt, dies bis Ende vergangener Woche zu tun. Wie es weiter- geht, weiß derzeit niemand.

Ein voll besetzter VW Passat bremst gestern gegen 13.30 Uhr, kurz vor Beginn der Nachmittagsschicht, vor der Schranke des Werks II von Tectro in Saarburg-Beurig. Der Fahrer des Wagens streckt seinen Kopf zum Fenster heraus, schiebt die Kappe zurecht und ruft mit lauter Stimme: "Schaffe mir, oder schaffe mir net?" Es ist kein Geld geflossen

Die Frage richtet sich an Betriebsratsvorsitzenden Horst Molitor, der sich mit seiner Stellvertreterin Petra Sauer vor der Firmenschranke zum Gespräch mit dem Trierischen Volksfreund getroffen hat. Die beiden Betriebsräte sind an diesem Tag besonders gefragt: Die neue Negativ-Meldung hat die Runde gemacht. Dabei entspricht die aktuelle Nachricht der alten und lautet: Nichts ist passiert. Es ist kein Geld geflossen. Dabei habe die Geschäftsführung zugesagt, bis Ende vergangener Woche die ausstehenden Löhne und Gehälter für die 207 Tectro-Mitarbeiter zu zahlen, berichtet Horst Molitor. Die Hälfte der September-Vergütungen stehe für die gesamte Belegschaft nach wie vor aus. Ob die Mitarbeiter darüber hinaus Geld für den Monat Oktober sehen werden, sei derzeit mehr als fraglich. Dabei sind die Zahlungs-Schwierigkeiten nicht neu. "Erstmals gab es Probleme im Juli", erzählt Petra Sauer. "Das hielt sich allerdings noch in Grenzen. Die Löhne und Gehälter wurden mit einigen Tagen Verspätung bezahlt." Auf die Vergütungen für August hingegen warteten die Mitarbeiter nach Auskunft Sauers fünf Wochen, auf die Hälfte des September-Geldes bis Mitte Oktober. Die Teilzahlung floss erst, nachdem die Mitarbeiter angekündigt hatten, von ihrem Zurückbehaltungsrecht Gebrauch zu machen (der TV berichtete). Angesichts dieser Situation geht die Angst um bei den Mitarbeitern. So erklärte ein kaufmännischer Angestellter gestern gegenüber dem TV: "Für mich war diese Entwicklung absehbar seit einem halben Jahr. Die gesamte Produktion ist nicht mehr so gelaufen, wie es sein soll. Wir haben Personal-, Material- und Kapazitäts-Probleme." Ganz beiläufig habe man erfahren, dass der Belgier Cor Jacobs seit Ende August neuer Besitzer ist. "Es gibt keine Informationen"

"Es gibt offiziell keine Info, dass er da ist, noch Angaben darüber, wie es mit dem Unternehmen weitergeht. Hier herrscht Ausverkaufsstimmung. Ich habe das Gefühl, das Ding wird nur noch abgewickelt." Mit Magenschmerzen fahren zwei seiner Kolleginnen seit Wochen zur Arbeit, wie sie dem TV berichten. Mariola Spyra und Marion Neusius arbeiten seit zwölf Jahren in der Tectro-Produktion - die aktuelle Entwicklung geht ihnen unter die Haut. Spyra: "Jeder macht sich Sorgen, jeder will wissen, ob es weitergeht. Die Leute geben alles, aber es kommt nichts zurück." Marion Neusius: "Ich kann nicht mehr abschalten, schlafe schlecht und komme mit Magenschmerzen zur Arbeit. Wir machen unsere Arbeit, klar. Aber die Motivation ist natürlich sehr niedrig. Und finanzielle Probleme durch die Situation hat hier jeder." Eine andere Kollegin aus der Produktion, die dort seit 14 Jahren arbeitet, meint: "Ich finde es schlimm, dass wir nicht erfahren, wie es weitergeht. Wir haben immer zu der Firma gestanden, sind auch jetzt noch da. Jeder hat finanzielle Probleme, aber auch das würde man in Kauf nehmen, wenn man anders behandelt würde. Dass der neue Eigentümer nicht den Mut hat, sich mal vorzustellen, ist schon enttäuschend." GELD UND MARKT SEITE 5