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Geschichte
Der Willkür hilflos ausgeliefert

 Vier Jahre lang hat Matthias Klein an seiner 300 Seiten starken Doktorarbeit gearbeitet.
Vier Jahre lang hat Matthias Klein an seiner 300 Seiten starken Doktorarbeit gearbeitet. FOTO: TV / Jan Söfjer
Saarburg. In der Nazizeit wurden viele Menschen auf der Basis des Gesetzes „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangssterilisiert. Auch im Krankenhaus in Saarburg, wie der Historiker Matthias Klein in einem Vortrag berichtet. Von Jan Söfjer

Im Dezember 1936 holt die Polizei Manfred S. (Name geändert) ab und bringt ihn ins Saarburger Krankenhaus. Ein Erbgesundheitsgericht hat den 15-Jährigen zur Zwangssterilisation verurteilt. Wegen angeblichen „angeborenen Schwachsinns“. Noch am selben Tag wird der Eingriff vorgenommen.

262 Anträge zur Zwangssterilisierung wurden zwischen 1934 und 1944 vom Saarburger Amtsarzt gestellt. Wie viele Menschen tatsächlich unfruchtbar gemacht wurden, ist nicht bekannt, bezogen auf ganz Deutschland wird aber geschätzt, dass zwei Drittel betroffen waren. Im Krankenhaus Saarburg nahmen Ärzte ab Mai 1936 Zwangssterilisationen vor. Das berichtete Matthias Klein (30) vor rund 20 Gästen am Saarburger Kreiskrankenhaus St. Franziskus in seinem Vortrag „Zwangssterilisationen im heutigen Kreis Trier-Saarburg während der NS-Zeit“. Unter den Gästen waren auch der ärztliche Direktor des Krankenhauses, Thomas Poss und Rudolf Müller, Leiter der Volkshochschule Trier-Saarburg, die zu dem Vortrag eingeladen hatte.

Klein hat an der Universität Trier sein Dissertation zu folgendem Thema verfasst: „NS-Rassenhygiene im Raum Trier – Zwangssterilisationen und Patientenmorde im ehemaligen Regierungsbezirk Trier 1933 bis 1945.“

Grundlage war das 1934 in Kraft getretene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Mehr als 2000 Menschen wurden in Trier, Saarburg und Wittlich zwangssterilisiert. Deutschlandweit geht man von 290 000 bis 350 000 Menschen aus. Etwa jeder Zwanzigste überlebte nach Schätzungen die Operation wegen Komplikationen nicht. Doch auch wer den Eingriff gut überstand, litt oft im Anschluss unter schwerwiegenden Problemen wie Schmerzen und psychischen Folgen. Alleine als „erbkrank“ abgestempelt zu werden, sei ein Stigma gewesen, sagt Klein. „Da stecken Leidensgeschichten dahinter.“

„Das Gesetz spiegelt den damaligen Zeitgeist wider“, betont der Historiker. Zwangssterilisationen seien dabei von nicht wenigen als harte, aber nötige Maßnahme anerkannt gewesen. Zwangssterilisationen gab es auch in Skandinavien, der Schweiz, Kanada und in den USA. Dort wurden noch bis in die 1980er Jahre mehr als 60 000 Menschen zwangssterilisiert.

„Das Gesetz in Deutschland kam nach damaligem Recht formal korrekt zustande“, so Klein. Dennoch gab es auch Ärzte, die illegal Sterilisationen vornahmen. Vom Krankenhaus Saarburg sind zwei Fälle bekannt, in denen Ärzte Frauen bei der Entbindung zwangssterilisierten. Rechtlich gab es da eine Grauzone, so dass die Ärzte nicht belangt wurden. Klein: „Es zeigt, dass auch in der Region Ärzte die Idee der Eugenik teilten.“ Im Gegensatz zu den Waldbreitbacher Franziskanerinnen, die im Krankenhaus Saarburg als Pflegerinnen arbeiteten. Deren Oberin untersagte den Schwestern jegliche Beteiligung an Zwangssterilisationen im Operationssaal. Zu April 1939 kündigten die Franziskanerinnen ihren Vertrag mit dem Krankenhaus und zogen sich aus der Pflege zurück. Sie wollten mit den Machenschaften nichts zu tun haben.

Erbkrank im Sinne des damaligen Gesetzes war, wer an einer der folgenden Krankheiten oder Beeinträchtigungen litt: „angeborener Schwachsinn“ (heute geistige Behinderung),  Schizophrenie, zirkuläres (manisch-depressives) „Irresein“ (heute Bipolare Störung),  erbliche Fallsucht (heute Epilepsie),  erblicher Veitstanz (heute Chorea Huntington), erbliche Blindheit oder Taubheit sowie schwere erbliche körperliche Missbildung

Auch schwerer Alkoholismus konnte als Grund ausreichen. Für Frauen konnte es gefährlich werden, wenn sie zu vielen Männern sexuelle Beziehungen hatten. „Nur eine der Diagnosen lässt sich wirklich als Erbkrankheit bezeichnen: der Veitstanz“, sagt Klein. Die Diagnose „schwachsinnig“ war besonders willkürlich. „Es wurde weniger die Intelligenz einer Person abgefragt als mehr der bildungsbürgerliche Wertekanon des Dritten Reiches.“ Zudem habe es Fragen gegeben, mit denen selbst Juristen ihrer Zeit, Probleme gehabt hätten, etwa, welche Staatsform Deutschland habe. „Es war eine soziale Diagnose, keine medizinische und traf vor allem einfache Menschen auf dem Land.“ Wie Manfred S. Seine Eltern sterben, bevor er elf Jahre alt wird. Er wächst im Kreis Saarburg bei seinem Onkel auf. Er besucht die Volksschule bis zur sechsten Klasse, kommt aber mit dem Stoff offenbar nicht mit. In der Zusammenfassung des vermeintlichen Intelligenztests von S. durch einen Dr. Graff schreibt dieser: S. sei „schwerfällig, denkfaul, braucht unendlich lange Zeit zur Antwort. Fragen müssen teilweise in verschiedener Form gestellt werden, bis sie verstanden werden. Fängt den Satz an, wiederholt immer wieder und bleibt dann stecken.“

Jahre später, 1944, ist S. Obergefreiter in der Wehrmacht. Er bekommt das Verwundetenabzeichen in Silber und die Ostmedaille für Veteranen der Ostfront. Als verurteilter Erbkranker darf er nicht heiraten. S. strebt die Wiederaufnahme seines Verfahrens an, doch das Gericht lehnt ab. Wieder sind die Richter nicht von seiner Intelligenz überzeugt. Doch S. lässt nicht locker, fährt nach Köln und fängt den Vorsitzenden Richter des zuständigen Erbgesundheitsobergerichts zu Hause ab. Und offenbar beeindruckt S. den Richter. Dieser setzt sich für ihn ein. Die Beschwerde wird zugelassen.

Dieses Mal berücksichtigt das Gericht die schwere Kindheit und den Verlust der Eltern von S. Die Richter revidieren das erste Urteil: Es liege kein „Schwachsinn“ bei S. vor. Ein Jahr nach dem Krieg sagt die Verwaltung S. zu, die Kosten für den Fall zu übernehmen, dass er versucht, die Sterilisation rückgängig machen zu lassen. Mehr verraten die Akten nicht. Klein sagt: „Damit war S. eine Art der Rehabilitation gelungen - etwas, was vielen Hunderttausend Männern und Frauen verwehrt blieb.“