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Historiker widerlegt Legende der sauberen Wehrmacht

Historiker widerlegt Legende der sauberen Wehrmacht

Bis zu 27 Millionen Opfer forderte der deutsche Feldzug gegen die Sowjetunion, der vor 70 Jahren von Hitler- Deutschland ausging. Der Historiker aus Freiburg legte in seinem Vortrag in der Gedenkstätte KZ Hinzert viele Hintergründe dar und räumte auf mit der Legende der "sauberen Wehrmacht".

Hinzert. Die Bilanz der Opfer des Russlandfeldzuges der Deutschen Wehrmacht ist der blanke Horror: Zehn Millionen Rotarmisten, drei Millionen russische Kriegsgefangene, drei Millionen russische Juden und sechs bis zehn Millionen Zivilisten wurden Opfer eines gnadenlosen Vernichtungskrieges, der vor 70 Jahren begann.
Hinzu kommen 70 000 Dörfer und 1700 Städte, die niedergebrannt wurden. 32 000 Fabriken wurden zerstört und 65 000 Kilometer Schienenwege verwüstet. Professor Wolfram Wette, Historiker an der Universität Freiburg, deckte die Gräueltaten der Deutschen Wehrmacht, die Hand in Hand mit der SS arbeitete, in seinem Vortrag in der Gedenkstätte KZ Hinzert schonungslos auf. "Unter Historikern sind wir uns einig, dass damals zwischen sechs und zehn Millionen zivile Opfer in der russischen Bevölkerung zu beklagen waren", sagt der 70-Jährige. Die Nazis erklärten Russen für "Untermenschen" und "unnütze Esser", die durch eine gezielte Hungerstrategie ausgerottet werden sollten.
"Eine Trennlinie zwischen Wehrmacht und SS ist nicht auszumachen, wenn beide gemeinsam auf Partisanenjagd gehen", meint der Geschichtsforscher.
Doch der Freiburger Professor begann seinen Vortrag versöhnlich: "Die Russen fühlen heute keinen Hass mehr auf die Deutschen." Die Einstellung der Deutschen gegenüber Russen sei ebenfalls positiv. Die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit werde, so Wette, von den Russen als Kulturleistung anerkannt.
Doch der Abbau der Feindbilder dauerte zwei Generationen lang. Die Bedrohung "Der Russe kommt" sei künstlich aufrechterhalten worden, denn, so der Historiker: "Ehemalige deutsche Soldaten lebten nach dem Krieg in der Vorstellung, dass ihnen hoffentlich nie passiert, was sie den Russen angetan haben."
Die Planer des Feldzugs unterlagen einigen fatalen Irrtümern. "Das Scheitern Napoleons hätte doch Warnung genug sein müssen", staunte Wette. Außerdem sei das Russlandbild - riesengroß, aber schwach - einfach falsch gewesen. Der von Hitler befohlene rassenideologische Vernichtungskampf wurde in der Propaganda als Präventivschlag verkauft. Der Traum vom "Lebensraum im Osten" wurde zum Alptraum.
Wette schlägt vor, dass 2012 am 27. Januar, dem Gedenktag aller Opfer des Nazi-Regimes, erstmals ein russischer Redner im Bundestag zu Wort kommt.
"Ist der Zweite Weltkrieg in Russland nicht doch noch ein Trauma?", fragte Hermann Dellwing (61) aus Hermeskeil den Professor. "In die politischen Entwicklungen greifen viele Ursachen und Wirkungen", erklärte Wette. Alte Kommunisten, mit vielen Orden an der Brust, gebe es halt immer noch. Die Deutschlandhasser seien aber eine verschwindende Minderheit.
"Es ist gut zu wissen, wie es wirklich war", findet Alice Münster (75) aus Hinzert. Die deutschen Soldaten hätten ja auf jeden Fall zuerst geschossen. Es sei gut, dass es jetzt eine Verständigung gebe. doth