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Holocaust-Zeitzeuge erzählt von Leben und Schrecken im Konzentrationslager Bergen-Belsen

Holocaust-Zeitzeuge erzählt von Leben und Schrecken im Konzentrationslager Bergen-Belsen

Für ihn ist "Hitlers Gift", die nationalsozialistische Philosophie, noch immer unter uns. Deshalb appelliert Gerd Klestadt mit seinem Vortrag in der Kulturgießerei in Saarburg an die moralische Verantwortung und das Geschichtsbewusstsein seiner Zuhörer. Dabei erschüttert ihn aber an diesem Abend besonders ein Aspekt der Gegenwart.

"Das ist meine Rache. Das ist meine Antwort." Im Brustton der Überzeugung und mit einem herausfordernden Blitzen in den Augen deutet Gerd Klestadt auf die Wand hinter sich. Dort zu sehen ist ein Foto, auf dem der 84-Jährige zusammen mit fünf seiner sieben Enkelkinder in die Kamera strahlt. Sie tragen kleine Partyhüte, wirken fröhlich und ausgelassen.

Gerade der Kontrast dieser Bilder zu den zuvor gezeigten Aufnahmen aus verschiedenen Konzentrationslagern führt die Grausamkeit des Nazi-Regimes noch deutlicher vor Augen und verweist auf die kämpferische Haltung Klestadts, die in seinem Vortrag immer wieder durchscheint.

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) spricht er in der Saarburger Kulturgießerei vor etwa 50 Zuhörern, darunter eine Hand voll Jugendlicher, ganz offen von seinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen in Bergen-Belsen, aber auch von dem Trauma, das darauf folgte.

Er beschreibt die Viehwaggons, in denen er und seine Familie mit Hunderten anderen Menschen zusammengepfercht zum KZ gebracht wurden, erklärt, dass er als Elfjähriger seinen toten Vater unter die Bäume am Rand des Lagers schleppen und dort verscharren musste. Und Klestadt schildert, wie er die Kleidung von Leichen stehlen musste, um im harten Winter von 1944 nicht zu erfrieren. In solchen Momenten antworten die Zuhörer mit ungläubigem Kopfschütteln, bestürztem Raunen oder verständnisvollem Nicken.

Auch das groteske bis erschreckende Bildmaterial, etwa von einem mit Judensternen markierten Hochzeitspaar oder dutzenden abgemagerten Menschen, die auf Hochbetten liegen und aus hohlwangigen Gesichtern heraus verängstigt in die Kamera starren, verstärkt die beklemmende Atmosphäre, die aber immer wieder von Klestadts Humor durchbrochen wird.

Das Porträtfoto, mit dem für die Veranstaltung geworben wurde, kommentiert er beispielsweise trocken mit den Worten: "Ich seh eigentlich aber viel schöner aus, oder?" Über die Zeit in Bergen-Belsen spricht er trotz allem gefasst und präzise, mit lauter und fester Stimme. Sich so im wahrsten Sinne freizusprechen ist Teil seiner Methode, das Trauma zu fassen und zu bekämpfen, indem er es immer wieder thematisiert und sich selbst damit konfrontiert. Jedes Jahr fährt er nach Bergen-Belsen und legt im Andenken an die Opfer den sechs Kilometer langen Weg vom dortigen Bahnhof zum Lager zurück, den er damals auch mit seiner Familie gehen musste.

Genauso wichtig wie die eigene Erinnerung wachzuhalten ist es ihm aber, sie an andere weiterzugeben und den Horror den Nationalsozialismus gerade in den Köpfen der Jugend präsent zu halten. Seit dem Jahr 2000 hat er bereits vor mehr als 18 000 Schülern in Holland, Belgien, Frankreich, Luxemburg und Deutschland gesprochen. Umso bestürzter zeigt er sich darüber, dass sich an diesem Abend nur eine Handvoll junger Menschen unter den knapp 50 Zuhörern befindet.

Die 20-Jährige Milena Meß, Tochter der Linken-Politikerin Kathrin Meß, die den Vortragsabend organisiert hat, stimmt dem zu. "Es ist schade, dass sich wenige Jugendliche für ein so wichtiges Thema interessieren. Ein Schlussverkauf würde wohl mehr junge Leute anlocken, und das ist einfach nur traurig." Gerd Klestadt endet schließlich mit einer Frage, die Jung und Alt gleichermaßen betrifft: "Hat die Welt dazugelernt?" Das Schweigen, das sich daraufhin über den Raum legt, lädt jeden im Publikum ein, darauf selbst eine Antwort zu finden.Extra

Gerd Klestadt würde am 23. Dezember 1932 in Düsseldorf geboren. Zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder flüchtete er 1936 von dort aus nach Holland. 1943 wurde die Familie über das Lager Westerbork in das KZ Bergen-Belsen nahe Hannover gebracht. Im April 1945 wurde die Familie zusammen mit anderen Gefangenen aus einem Zug befreit, der über der Elbe gesprengt werden sollte, zwei Tage vor der Befreiung des KZ Bergen-Belsen. Klestadt lebte anschließend in Honduras und Südafrika, wo er seine Frau kennenlernte, mit der er bereits seit 46 Jahren verheiratet ist. Zusammen mussten sie vor der Apartheidsbewegung flüchten und leben heute in Luxemburg. kha