Im dichten Nebel über die Rennstrecke

Im dichten Nebel über die Rennstrecke

Marion Palm-Stalp muss jeden Tag die Bundesstraße B 419 überqueren, um ihre Tochter in den Kindergarten zu bringen. Was für Nichtbehinderte schon fast unmöglich ist, da die Strecke von Tausenden Luxemburg-Pendlern benutzt wird, ist für die 44-Jährige lebensgefährlich. Sie ist fast blind. Doch die Behörden weigern sich, eine Ampel zu errichten.

Oberbillig. Wie im dichten Nebel. Gerade mal die Hand vor Augen ist erkennbar, Gegenstände allenfalls schemenhaft, nur durch Farben unterscheidbar. Nur vorsichtig tastend kann man gehen. Ganz langsam, um ja nirgends anzustoßen. Treppen gehen, fast unmöglich. Gerade mal noch zehn Prozent Sehkraft simuliert die Pappbrille mit den milchigen, kaum durchsichtigen Plastikfolien in ihr.
So viel, vermutlich noch viel weniger, sieht die 44-jährige Marion Palm-Stalp aus Oberbillig. Seit Jahren leidet die resolute Frau und zweifache Mutter an einer unheilbaren Netzhauterkrankung. Die Welt sei für sie erblasst, sagt sie. Menschen haben keine Gesichter mehr für sie. Sie sieht nur noch schemenhaft. Marion Palm-Stalp ist fast blind.
Trotzdem meistert sie ihren Alltag. Wer sie besucht, merkt auf den ersten Blick nichts von ihrer Krankheit. Sie bewegt sich in ihrem Haus in Oberbillig (Verbandsgemeinde Konz) sicher, liest mit einer Speziallupe Zeitung, arbeitet am Computer, geht wie selbstverständlich die steile Holztreppe hinunter. Und sie bringt jeden Tag ihre vierjährige Tochter zum Kindergarten in dem Weinort an der Mosel. Dazu muss sie vom Neubaugebiet einen steilen Weg hinunter gehen, eine Eisenbahnbrücke überqueren. All das ist kein Problem für sie. Sie kennt den Weg, weiß genau wo sie hintreten muss, wo ein hoher Bordstein ist. Die 44-Jährige ertastet sich mit ihrem Blindenstock den Weg. Seit kurzem hat sie einen Blindenhund. Bella. Sie weicht ihr nicht von der Seite, warnt sie rechtzeitig vor möglicher Gefahr. Doch an der gefährlichsten Stelle des Weges, da kann die Hündin ihr auch nicht helfen. Marion Palm-Stalp muss täglich die vielbefahrene Bundesstraße 419 überqueren.Täglich nutzen Tausende Luxemburg-Pendler zwischen Konz und dem Grenzort Wellen die Strecke.
Ein Überqueren der Straße ist schon für Normalsehende ein Wagnis. Für eine stark Sehbehinderte ein lebensgefährliches Unterfangen. Zehn Minuten steht sie an diesem Morgen an der Seite der Straße, bis sie glaubt sicher hinüberzukommen. Ihr Kind hat sie vorher schon in den Kindergarten gebracht.
Sie will nun zeigen, wie schwierig der tägliche Weg ist. Dazu hat sie auch den Konzer Verbandsbürgermeister Karl-Heinz Frieden eingeladen. Er hat sich die Pappbrille angezogen, mit der die Sehbehinderung der Frau simuliert wird. Der Bürgermeister traut sich nicht, damit über die Straße zu gehen. Keiner der Autofahrer, die aus Richtung Luxemburg an Marion Palm-Stalp und ihrer Hündin vorbei brausen, hält an. Die Autos sieht sie nicht. Sie orientiert sich am Fahrgeräusch. Wenn sie nichts hört, geht sie bis zur Mitte der Straße, bis zu einer kleinen Verkehrsinsel. Eine sogenannte Überquerungshilfe. Dort wartet sie dann wieder mitunter minutenlang bis sie endlich auf der anderen, der sicheren Seite ist. Kaum ein Auto fährt wohl mit den vorgeschriebenen 50 Stundenkilometer an ihr vorbei, obwohl kurz vor der Insel eine automatische Geschwindigkeitsanzeige, die Fahrer disziplinieren soll.Behörde sträubt sich


"Vielleicht muss ich mich erst überfahren lassen, bevor sich hier etwas tut", sagt sie sarkastisch. Seit Monaten kämpft Marion Palm-Stalp, die auch die Regionalgruppe der von der Netzhauterkrankung Betroffenen leitet, dass an dieser Stelle Tempo 30 gelten soll. Oder eine Bedarfsampel mit akustischem Signal aufgestellt wird, die nur dann den Verkehr stoppt, wenn Fußgänger den Ampelknopf drücken. Doch der für Bundesstraßen zuständige Landesbetrieb Mobilität (LBM) lehnt das ab. Durch Fußgängerüberwege oder Fußgängerampeln würden sich Fußgänger "im Recht fühlen und auf ihren Vorrang bestehen, ohne dabei auf den fließenden Verkehr Rücksicht nehmen zu müssen". Dadurch komme es häufig zu Unfällen, heißt es in einem Schreiben des LBM an Palm-Stalp. Außerdem seien das Land und die Kommunen "aufgrund ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit leider nicht in der Lage, an jedem gewünschten Punkt eine technische ,Querungssicherung\' zu installieren". Trotzdem lasse man ihr "persönliches Schicksal" nicht außer Acht, heißt es am Ende des Briefes.
Das lässt die 44-Jährige endgültig aus der Haut fahren. Es gehe doch nicht um ihr persönliches Schicksal. Sie sei doch nicht die einzige, die die Straße unter Lebensgefahr überquere. Fast jeder, der vom Oberdorf etwa zum Spazieren an die Mosel oder in das Restaurant am Moselufer gehen wolle, gehe an der Stelle über die Straße. Die etwa 500 Meter entfernte Unterführung unter der Bundesstraße sei keine Alternative, weil sie ein enormer Umweg sei. Und der durch einen sehr hohen Bordstein abgegrenzte Gehweg ist kaum einen halben Meter breit. Zu schmal für die fast Blinde, um dort mit Hund und Tochter zu gehen. Sie müsste auf der Straße durch den kleinen Tunnel gehen. Die Hoffnungen auf die Ampel aufgegeben hat Marion Palm-Stalp aber noch nicht. Sie will weiterkämpfen. Für sich und für andere in Oberbillig.Meinung

Fußgängerampel ist für alle sinnvoll
Die B 419 teilt in Oberbillig das Dorf. Auf der einen Seite ist das Oberdorf mit Wohnhäusern, die einen tollen Blick auf das Moseltal haben. Unten an der Mosel sind ebenfalls Wohnhäuser, aber auch der Kindergarten, Kneipen und Restaurants und das Ufer selbst, das zum Flanieren und Verweilen einlädt. Die Bundesstraße liegt dazwischen. An die Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometer pro Stunde hält sich auf der langen, geraden Strecke kaum jemand. Da ist es nicht nur für sehbehinderte Menschen schwer, über die Straße zu kommen. Weil es unrealistisch ist, hier an die Rücksicht der Autofahrer zu appellieren, bleibt nur eine sinnvolle Lösung: das Aufstellen einer Fußgängerampel. Eine solche Ampel könnte sich sogar auf Knopfdruck aktivieren lassen. Sie würde für Autos nur auf Rot springen, wenn wirklich jemand über die Straße will. So würde der Verkehrsfluss kaum beeinflusst und alle Oberbilliger kämen sicher über die Straße. Und Oberdorf und Unterdorf rückten dann vielleicht auch noch näher zusammen. c.kremer@volksfreund.deExtra

Der Wunsch von Marion Palm-Stalp interessiert auch weitere Beteiligte. Unterstützt wird die fast blinde Frau unter anderem vom Konzer Behindertenbeauftragten Peter Musti. Er glaubt, dass der tatsächliche Grund für die Ablehnung einer Ampel in der Kostenfrage liegt. Das, was die Frau verlange, sei nichts anderes als "das regelmäßige Bedürfnis der Oberbilliger Allgemeinheit, diese Straße sicher überqueren zu können", sagt Musti. Auch Verbandsbürgermeister Karl-Heinz Frieden, der sich die Probleme vor Ort angesehen hat, kann Palm-Stalp verstehen. Eine Tempo-30-Zone im Bereich der Überquerungshilfe hält er aber für nicht machbar. Dafür sei der Verkehr auf der Bundesstraße zu stark. "Aber eine Fußgängerampel muss drin sein." wie

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