Im Gymnasium klappern die Nadeln

"Unser Schulhof soll schöner werden!" Dieses Ziel haben sich die Hermeskeiler Gymnasiasten gesetzt und profitieren dabei vom Können einiger älterer Damen aus Kell. Denn die Frauen vom Strickkreis helfen den jungen Leuten beim Anfertigen von bunten Wollsachen, die später den Schulhof zieren sollen. Vorbild für das Mehrgenerationenprojekt ist eine neue Form der Straßenkunst, die sich Urban Knitting nennt.

Hermeskeil/Kell am See. "Können Sie mir mal helfen? Da stimmt irgendetwas nicht." Etwas ratlos reicht die 13-jährige Lina Meter im Kunstraum des Hermeskeiler Gymnasiums ihr Strickzeug an Ursula Lehnen weiter, die neben ihr sitzt. Die Dame mit den grau melierten Haaren schaut sich die Sache kurz an und erklärt Lina: "Ja, dir ist die Masche gefallen." Schnell ist der kleine Schaden behoben, und schon klappern die Stricknadeln weiter.
Jeden Donnerstagnachmittag treffen sich im Gymnasium rund 15 junge Schüler zwischen zehn und 14 Jahren und acht ältere Frauen aus Kell, um in trauter Runde gemeinsam auf ein großes Ziel hinzuarbeiten. "Auf unserem Schulhof gibt es viel Beton. Wir wollen mehr Farbe reinbringen", erklärt Mascha Kurtz. Sie ist als pädagogische Fachkraft für die Arbeitsgemeinschaft (AG) verantwortlich, die zum Ganztagsangebot des Gymnasiums gehört. Die AG trägt den Namen Urban Knitting, was wörtlich übersetzt "städtisches Stricken" heißt. Was sich genau hinter diesem englischen Begriff verbirgt, "weiß ich, um ehrlich zu sein, gar nicht so genau", gibt Gerlinde Hoegen, die Leiterin der Strickfrauengruppe aus Kell, mit einem Lächeln im Gesicht offen zu. Dennoch sind sie und ihre Mitstreiterinnen die perfekten Lehrmeisterinnen für die jungen Leute, die am Hermeskeiler Gymnasium mit dem Urban Knitting (siehe Extra) einen aktuellen Trend aus den Großstädten aufgreifen wollen.
Schulhof soll bunter werden


Angelehnt an dieses Vorbild sind die Hermeskeiler AG-Schüler - darunter mit Lukas Hirsche und Sebastian Berwanger auch zwei Jungs - derzeit dabei, bunte Wollstreifen zu stricken. "Die können wir dann zum Beispiel um die Stangen am Basketballkorb oder auch um die Bäume wickeln. In die Kronen wollen wir dann noch Bommeln hängen", sagt Tosia Quirmbach (elf Jahre) über die Pläne der Schüler und fügt hinzu: "Im Internet findet man da gute Ideen." Auch kleine Stricktaschen sind in der Mache. "Da kann man dann je nach Saison verschiedene Blumen reinstecken", sagt Renate Thiel. Sie und die anderen Keller Damen vermitteln den Schülern die Grundkenntnisse, damit es mit dem Stricken und dem Anfertigen der kleinen Kunstwerke auch tatsächlich klappt und die AG den Schulhof noch vor den Sommerferien verschönern kann. "Wir legen großen Wert auf vernetztes Lernen. Mit dieser AG wollen wir kreatives, selbstständiges Arbeiten mit einem alten Handwerk verbinden. Wir sind sehr froh, dass die Frauen vom Strickkreis sofort zum Mitmachen bereit waren und so ein generationsübergreifendes Projekt entstanden ist", sagt Kurtz.
Hoegen gibt dieses Lob sofort zurück: "Wir kommen gerne hierher. Die Jungs und Mädels sind alle nett, sehr motiviert und stellen sich auch geschickt an."
Besonders stolz ist Maria Seimetz. "Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich mit meinen 87 Jahren jungen Leuten noch zeigen kann, wie etwas funktioniert", freut sich die Seniorin aus Kell. Beim Plauschen erfahre man dann auch ganz nebenbei, wie es bei den Kindern in der Schule so laufe oder wo Mutter und Vater arbeiten.
"Mich hat noch keiner schief angeschaut, weil ich bei der AG mitmache. Ich finde stricken auch überhaupt nicht altmodisch", sagt Lukas Hirsche. Tosia Quirmbach kann ihm da nur beipflichten: "Ich habe bei null angefangen und erst gedacht, stricken wäre voll kompliziert. Als ich es dann aber probiert habe, hat es mir viel Spaß gemacht." Auch Lina Meter betont, dass Stricken für sie keine lästige Schulpflicht, sondern fast sogar zu einem Hobby geworden ist: "Ich nehme die Sachen jetzt oft mit nach Hause und stricke vor dem Fernseher."Extra

Als Urban Knitting oder auch Guerilla Knitting wird eine Form der Straßenkunst bezeichnet, die im Jahr 2005 in den USA, genauer gesagt in der texanischen Stadt Houston, entstanden und mittlerweile in vielen europäischen Großstädten verbreitet ist. Dort sind - ähnlich wie früher die Graffiti-Sprüher - immer mehr Künstlerinnen unterwegs, die ihre selbst gestrickten Sachen beispielsweise über Parkuhren oder Schilder stülpen und so Farbtupfer im Großstadtgrau setzen. Die Knittings dienen zum einen lediglich der Verschönerung. Sie haben zum anderen auch symbolische Bedeutung. Es verbinden sich mit ihnen beispielsweise feministische Aussagen oder politischer Protest. So wurden von Gegnerinnen des Projekts Stuttgart 21 viele Knittings am Bauzaun des Bahnhofs aufgehängt. ax